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30. November 2021

Hilfe zur Selbsthilfe bei Kreuzschmerzen

Im Gespräch mit Andras Alt und Bernard Kolster

Nach Angaben der nationalen Versorgungsleitlinie nicht-spezifischer Kreuzschmerz gehören Rückenbeschwerden zu den häufigsten Beschwerden in der Bevölkerung. Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems sind teuer und die Diagnose Kreuzschmerz führt bereits seit Jahren die Statistiken der Anlässe für Arbeitsunfähigkeit und medizinische Rehabilitation an. In der Physiotherapie sollten die Betroffenen nicht massiert, sondern aktiviert werden.

Lesezeit: ca. 6 Minuten

Es ist eigentlich längst bekannt: Betroffene mit nicht-spezifischen Kreuzschmerzen müssen aktiv bleiben und zu einem nachhaltigen Training motiviert werden. Passive Maßnahmen sind erwiesenermaßen nicht effektiv. Trotzdem erwarten immer noch viele Patientinnen und Patienten in der Physiotherapie auf der Behandlungsbank und ohne eigenes Zutun „geheilt“ zu werden. Zu oft entsprechen Therapeuten diesen Wünschen noch. Ob aus Unwissenheit oder wirtschaftlichem Druck spielt eigentlich keine Rolle. Fakt ist, dass diese Art der Versorgung nicht evidenzbasiert ist. Punkt.

Andreas Alt (AA) und Bernard Kolster (BK) engagieren sich seit vielen Jahren für die Umsetzung evidenzbasierter Therapie in der physiotherapeutischen Versorgung. Wir haben bei den beiden nachgefragt.

Warum ist die Implementierung evidenzbasierter Empfehlungen in der Praxis aus eurer Sicht immer noch so schwierig?

BK: Ich denke, das hat etwas mit dem Gefühl von „therapeutischer Hoheit“ zu tun. Was aus individueller therapeutischer Sicht und Erfahrung jahrelang „funktioniert“ hat, wird auch weiter so behandelt. Ich glaube, es ist schwierig, neue evidenzbasierte Handlungsempfehlungen in einen bewährten therapeutischen Ablauf zu integrieren. Dies ist nicht nur ein Phänomen bei PTs sondern auch bei Ärzten. Es gibt hierfür ja den schönen Spruch: „Wer heilt hat recht!“ Evidenz lässt sich aus meiner Sicht am ehesten bei Berufs-Neueinsteigern implementieren, da diese noch nicht so festgelegt sind und dieses „Evidenzbewusstsein“ schon in der Ausbildung mitbekommen.

AA: Zudem liegt es an den Assoziationen, die Patienten im Zusammenhang mit der Physiotherapie und mit der Medizin generell haben – „Patienten sehen sich heutzutage im Zuge der allgemeinen Industrialisierung eher als Kunden und weniger als Bedürftige, Betroffene, Hilfesuchende oder Verletzte, denen nicht jeder gleich gut helfen kann.“ Ein gutes Stichwort ist dazu auch die „Adhärenz“ von Patienten zu Maßnahmen. Die Vorstellungskraft, das Verständnis oder der Erinnerung sowie die Einfachheit von Maßnahmen. Darauf müssen wir in der Therapie eingehen.

Hinzu kommt natürlich das oftmals nicht neu upgedatete Curriculum von Ausbildungsstätten und Fortbildungen – gerade in Deutschland. Wer wirklich zeitgemäß behandeln möchte, muss sich nach validierten Leitlinien richten, deren Empfehlungen oftmals von den Fortbildungsinhalten, wie beispielsweise der Manuellen Therapie, abweichen. Doch gerade diese Zertifikatspositionen werden in Deutschland mit Qualität verbunden – eine kritische Kontroverse.

Evidenzbasierte Strategien veranlassen zu administrativen, bürokratischen und organisatorischen Umwegen, die sich in Summe oft als weniger lukrativ erweisen, als die Anwendung herkömmlicher Methoden.

Was kann denn jeder individuell in der eigenen Praxis tun, um die Situation für die Betroffenen zu verbessern?

BK: im Grunde müsste man sich von den eigenen tradierten Behandlungsschemata lösen und offen, ehrlich sowie unvoreingenommen evidenzbasierte Konzepte implementieren. Das könnte möglicherweise bedeuten, dass man bei einem bestimmten Erkrankungs- oder Störungsmuster auf einmal im Vergleich zu früher in der Therapie das Gegenteil oder etwas ganz anderes machen würde.

AA: Wie immer ist es auch hier wohl zu Beginn erst einmal wichtig, das nötige Bewusstsein für das Problem zu schaffen. Dies ist dann die Grundlage für den nächsten Schritt im Veränderungsprozess. Das hat Bernard aus meiner Sicht schon gut beschrieben. Am Ende sollten sich die Akteure bewusst machen, dass die Nachhaltigkeit – also der wirkliche Erfolg ihrer Therapie – von der Langfristigkeit ihrer Maßnahmen und von einem gut erklärten Selbstmanagement abhängt.

Oft erwarten Betroffene ja eine passiv orientierte Therapie. Wer sein eigener Chef ist, kann sich dann natürlich klar positionieren. In einem Anstellungsverhältnis ist es aber eventuell manchmal schwierig, Patienten wegzuschicken oder zu verlieren, weil man der Forderung nach „Massage“ nicht nachgibt. Was empfehlt ihr in dieser Situation?

BK: Das ist natürlich ein Problem, wenn Patienten mit einer vorgefertigten Therapieerwartung in die Praxis kommen. Eigentlich kann man nur geduldig erklären, dass zum Beispiel die Forderung nach Massage nicht nachhaltig ist und keine langfristigen Effekte ermöglicht. Wenn sich dieser Dissens nicht auflösen lässt, muss man tatsächlich in Erwägung ziehen, eine Therapie abzulehnen.

AA: Die Lösung wäre kurz gesagt: „Shared Decision-Making!“ So sollte man ja immer vorgehen und das wäre auch in dieser Situation angebracht. Wir sollten die Betroffenen höflich und möglichst verständlich über die Maßnahmen und die Situation (Beschwerden) aufklären sowie Einflussfaktoren nennen und die Vorteile der angestrebten Methode verdeutlichen. Wenn das nicht funktioniert, sollte man zunächst „Game Changer“ nutzen, also durchaus auch primär nicht nachhaltige und evidenzbasierte Maßnahmen einsetzen, deren Anwendung aber Sicherheit und Vertrauen beim Patienten schaffen. Dann wird es gegebenenfalls zu einem späteren Zeitpunkt möglich sein, die primär angestrebte Maßnahme erfolgreich aufzunehmen.

Ihr unterscheidet in eurem Ratgeber zwischen Schmerz-, Funktions- und Verhaltensprogramm – könnt ihr das genauer erklären?

BK: Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass jeder Betroffene bei sich unterscheiden kann:

  • bestehen meine Beschwerden im Ruhezustand (Schmerz im Ruhezustand),
  • treten meine Beschwerden bei bestimmten Bewegungsmustern auf oder
  • habe ich Angst, dass bestimmte Bewegungsmuster Schmerzen auslösen.

Auf der Basis der Einordnung und der Quantifizierung ergeben sich dann direkt die zugeordneten Behandlungsprogramme für die Selbstbehandlung.

AA: In den meisten anderen Ratgebern und Ansätzen geht es primär um Symptombehandlungen, wie es der Schmerz meistens darstellt, aber nicht um die multidimensionale Ursachenbewältigung. Die Ursache ist nicht der Schmerz, sondern das Verhalten und die damit verbundenen Konsequenzen, zum Beispiel die Funktionalität, die Bernard im Zusammenhang mit unserem Werk schon genannt hat.

Nachhaltig gesund bleibt man nur, wenn man alle drei Faktoren verstanden hat. Sie können der schnellste Mensch der Welt sein, wenn Sie am Morgen nicht aus dem Bett kommen, weil Sie frustriert sind, werden Sie keinen Rekord aufstellen und scheitern. Das wichtigste dabei ist die „Selbsteinschätzung“.

Wenn der Weg in das eigenständige Training geebnet ist, haben Therapeuten und Patienten schon viel erreicht. Wann sollten Betroffene sich dann wieder in der Praxis melden? Habt ihr da konkrete Empfehlungen?

BK: In der Tat, dann ist wirklich schon viel erreicht. Wenn die Beschwerden über einen gewissen Zeitraum persistieren oder sich gar verstärken, wäre eine Wiedervorstellung sinnvoll.

AA: Am besten nie mehr. Im Zusammenhang mit den hier diskutierten Beschwerden sollten Patienten sich allerdings von Zeit zu Zeit für Updates melden, welche sie dann heutzutage vielleicht mit ihren Therapeuten digital durchführen könnten.

Wie steht ihr digitalen Lösungen für das Selbstmanagement und den damit einhergehenden Herausforderungen gegenüber?

BK: Wenn es für die digitalen Lösungen entsprechende Wirksamkeitsstudien gibt, dann spricht eigentlich nichts gegen eine Anwendung. Ich denke aber, viele ältere Menschen sind noch nicht so „connected“ und möglicherweise auch mit digitalen Lösungen überfordert, hier würde ich eher den klassischen Weg wählen.

AA: Vorweg möchten ich gerne betonen, dass es dringend eine Anpassung der Curricula in Ausbildungseinrichtungen zu diesem Thema benötigt, denn eines ist fast sicher: Die Digitalisierung wird uns massiv beeinflussen.

Ähnlich wie Bernard, stehe ich dem Ganzen durchaus positiv gegenüber. Die Vorteile dabei sind eine terminunabhängige Anwendbarkeit, die mittlerweile sehr umfangreiche Ausarbeitung der Tools und die Attraktivität. Das sind alles Faktoren, welche sich positiv auf die Adhärenz auszuwirken scheinen. Allerdings gibt es auch Nachteile, wie Bernard schon gesagt hat. Darum ist unser System empfehlenswert – es beinhaltet alle der genannten Vorteile und ist datenschutzkonform.

Vielen Dank!

Die Fragen stellte Dr. Tanja Boßmann

Buchtipp

Alt A., Kolster B. 2021. Du bist dein eigener Therapeut. Rückenschmerzen – Wie ich meine Beschwerden selbst in drei einfachen Schritten in den Griff bekomme. Berlin: KMV Verlag

Andreas Alt

Er ist Physiotherapeut und studierte an der Hoogeschool Thim van der Laan, Nieuwegein, NL (2012 B. A. Phys.) sowie der Deutschen Sporthochschule Köln (2015 M. Sc. Sportphysiotherapie). Seit 2015 war er an verschiedenen Projekten zur Wissenschaft im therapeutischen Gesundheitswesen beteiligt. Seine Schwerpunkte umfassen Kraft und Konditionierung sowie biopsychosoziale Therapieansätze. Er ist in der Abt. Physiotherapie bei der SportClinic Sihlcity als Fachperson für therapeutische Qualität tätig und Doktorand an der Universität zu Lübeck

Kontakt: andreas-alt@gmx.de

Dr. med. Bernard Kolster

Bernhard Kolster

Er ist Physiotherapeut und absolvierte das Studium der Humanbiologie und Humanmedizin an der Universität Marburg. Er ist Arzt mit den Schwerpunkten Physikalische Medizin, Ernährungsmedizin, klassische Massage und Reflextherapie. Als Autor und Herausgeber zahlreicher Fachbücher gehören die Vermittlung von Wissen und die Umsetzung in alltagstaugliche Strategien zu seinen Hauptanliegen.

Kontakt: drkolster@icloud.com

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