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12. Januar 2022

Nachruf

Am 20. Dezember 2021 verstarb die Schweizer Physiotherapeutin Liselotte Kuntner, Ethnologin, Forscherin und Autorin, nach einem überaus tätigen Leben im Alter von fast 87 Jahren.

Lesezeit: ca. 4 Minuten

Ihr fundamentales Fachbuch, das Werk: „Die Gebärhaltung der Frau: Schwangerschaft und Geburt aus geschichtlicher, völkerkundlicher und medizinischer Sicht“  –  1985 im Marsaille Verlag München erschienen -, erreichte 1994 die 4. Auflage und machte sie schließlich – nach vorangegangenen Veröffentlichungen –  in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich bei Ärzten der Geburtshilfe, Hebammen und Physiotherapeuten bekannt.

Liselotte Kuntner Peter Kuntner

Der kritische Blick auf die vorherrschenden, unphysiologischen, Verletzung fördernden Rückenlagegeburten in Europa und Nordamerika, wurden zur Ausgangsbasis ihrer wissenschaftlichen Studien.

Damals sah Liselotte Kuntner in ihrer physiotherapeutischen, post partalen Arbeit immer wieder junge Mütter mit labiler Harn- und/oder Stuhlkontinenz. Oftmals waren es auch ältere Patientinnen, die mit dem Spätschaden einer Harn- und/oder Stuhlinkontinenz zu kämpfen hatten.

Bis heute fällt auf, dass in der Auflistung möglicher Inkontinenz-Ursachen in ärztlichen Vorträgen und Fachartikeln die Nennung der Geburt an erster Stelle steht.

Da die Rückenlagegeburt vielerorts bis zum heutigen Tag als geburtshilflicher Standard praktiziert wird, bleiben überprüfende Fragen nach einem anderen Geburtsmodus, der die physikalischen und physiologischen Parameter des Geburtsgeschehens unterstützen würden, aus eben diesem Grund zu oft aus. Als Stigma eines uralten Tabus Ausscheidungsstörungen gegenüber, wird seitens der leidenden Frauen eher geschwiegen.

Bereits Anfang der 1980er Jahre begann Liselotte Kuntner mit ihren umfassenden ethnologischen Feldforschungen zum Gebärverhalten der Frau. Sie reiste viel und weit zu Ethnien in unterschiedlichen Weltgegenden, so zu Volksstämmen nach Nicaragua, Sri Lanka, den nördlichen Norden von Kamerun, wie auch  – besonders strapaziös – zu einem entlegenen chinesischen Bergvolk, das nur zu Fuß über unzählige Felsentreppen erreichbar war.

In ausgedehnten Zeiträumen vor Ort beobachtete und dokumentierte sie systematisch das Gebärverhalten der jeweiligen Frauen unter natürlichen Bedingungen und in realen Situationen.

Ihre physiologischen Erkenntnisse, weitergegeben auf Kongressen und mittels Veröffentlichungen in unterschiedlichen Fachorganen, revolutionierten die in ca. 300 Jahren tradierten ärztlichen Ansichten, Einstellungen und Praktiken in der Geburtshilfe!

Ein wesentliches Ergebnis ihrer Forschungen war die Erfahrung, dass die Mobilität der Frau im Verlauf der Eröffnungswehen nicht eingeschränkt werden darf!

Bei den Naturvölkern registrierte Liselotte Kuntner im Verlauf der Eröffnungswehen ein Umhergehen und sich Bewegen als ursprünglichen Impuls.

Zur gleichen Zeit war es hierzulande überall üblich, nach Ankunft im Kreißsaal im Bett zu liegen und möglichst entspannt die Eröffnungswehen zu „überatmen“.

Anhand von wissenschaftlicher Daten belegte Liselotte Kuntner, dass im Gegensatz zu vertikalen, geburtsfördernden Positionen – wie sie in stehenden, hängenden, sitzenden oder kauernden Stellungen möglich werden -, bei einer Geburt in Rückenlage funktionelle, neurologische und sensomotorische Vorgänge nur äußerst beschränkt kontrolliert und aktiv gesteuert werden können.

Aus Sicht der Ethnomedizin ergibt sich ein biologisch fixiertes, archaisches Verhaltensrepertoire einer jeden Gebärenden.

So erweist sich beispielsweise der Periost-Druckschmerz als Wegweiser, um selbständig die bestmögliche, schmerzärmere  Körperstellung herauszufinden und einzunehmen. Auch kann ein zusätzlicher, durch Verkrampfung  auftretender Sauerstoffmangelschmerz im Gewebe auf diese Weise abgemildert bzw. verhindert werden. Denn bekanntlich: Wer sich bewegt, kann sich gleichzeitig nicht so leicht verkrampfen.

Inzwischen hat sich glücklicherweise das „in Bewegung-Bleiben“ während der Eröffnungswehen durch Kuntners damalige Öffentlichkeitsarbeit  –  in Form von Workshops, Vorträgen und vielen schriftlichen Beiträgen – im deutschsprachigen Raum durchgesetzt.

Zentrales Anliegen Liselotte Kuntners war der Schutz der Beckenausgangsstrukturen in der Austreibungsphase während des Durchtritts des Kindes.

Für die Prävention der mütterlichen Gesundheit setzte sie so alle verfügbaren persönlichen Kräfte und Mittel ein, um ihre biologischen und physiologischen Forschungen des Geburtsvorganges gegen das Gebären in Rückenlage fortzusetzen,  und um dann nachfolgend in praxi dem zuständigen medizinischen Fachpersonal das verlorengegangene Wissen und Handeln wieder näher zu bringen.

Heutzutage können Frauen bei normalem Geburtsverlauf – zwar leider noch nicht überall, doch immer häufiger – in manchen Kliniken, so wie von Hebammen begleitet im Geburtshaus oder privat zu Hause, ihre Gebärposition selbstbestimmt wählen, sodass die strikt diktierte Geburtsposition in Rückenlage (fast) der Vergangenheit angehört.

An dieser Stelle sollte der bekannte Ethnomediziner und Verhaltenspsychologe  Prof. Wulf Schiefenhövel nochmals gehört werden. Schon vor längerer Zeit bezeichnete er beweiskräftig und drastisch die Rückenlage als „zweitdümmste Gebärposition nach dem Kopfstand“ und würdigte Liselotte Kuntner anlässlich ihres 70. Geburtstags als „eine der Protagonistinnen der Vertikalen als der natürlichen Gebärhaltung“!

Eine neue Müttergeneration verdankt den „bewegten“ körperlichen wie auch geistigen Wandel in der Geburtshilfe dem verdienstvollen, engagierten Wirken von Liselotte Kuntner!

München, den 12. Januar 2022

Renate Tanzberger