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23. Mai 2022

Videotherapie: Physiotherapeutin und Informatiker starten Projekt

Im Gespräch mit Beate Kranz-Opgen-Rhein und Patrick Krott

Mit Beginn der Coronakrise entwickelten sich neue und kontaktlose Angebote in der Physiotherapie. Die Therapie über die Ferne entstand aus der Not heraus, scheint sich jetzt aber auch mittelfristig zu etablieren. Wichtig ist, dass solche Angebote professionell aufgezogen werden. Beate Kranz-Opgen-Rhein (BKOR) ist promovierte Physiotherapeutin, Patrick Krott ist Softwareentwickler. Beide leben und arbeiten in Aachen und verfolgen leidenschaftlich ein gemeinsames Ziel: die digitale Physiotherapie voranbringen. Die pt fragte nach.

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Die Videotherapie gewinnt an Bedeutung über die Coronakrise hinaus – das bietet Chancen, stellt Praxen aber auch vor neue Herausforderungen. Welche sind das aus Ihrer Sicht?

BKOR: Ich denke, dass wir Physios generell noch nicht ausreichend auf die Umsetzung von digitaler Physiotherapie eingestellt sind. Uns fehlt es an Wissen und uns fehlt es an technischem Know How. Wir haben noch keine adäquaten Optionen für Aus- und Weiterbildung in dem Bereich. In anderen Ländern ist man diesbezüglich viel weiter, so zum Beispiel an Australien. Dort sind schon sehr viele positive Erfahrungen mit Videotherapie gemacht worden. Die Videotherapie ist mittlerweile auch in Deutschland nun nicht nur erlaubt, es ist letztendlich auch zu einer Verpflichtung geworden, finde ich. Vor allem aber sehe ich in der Entwicklung eine Chance, die wir nicht verpassen sollten.

Auf der anderen Seite kennen und wünschen die Patienten bislang meist eine Hands-on Therapie. Wir müssen die Öffentlichkeit meines Erachtens darüber informieren, dass es in der Physiotherapie auch um Coaching und Beratung geht – beide Bereiche lassen sich auch sehr gut in einem Online-Setting umsetzen. Vorausgesetzt, man weiß wie es geht und worauf zu achten ist.

Es gib in dem Bereich ja schon Anbieter und es tut sich immer wieder was am Markt – wie schätzen Sie die Entwicklungen ein?

PK: Ja, wir beschäftigen uns jetzt seit gut einem Jahr mit dem Projekt, wir haben uns natürlich orientiert und ausführlich recherchiert. Es gibt verschiedene Anbieter. Die meisten Plattformen sind unserer Einschätzung nach jedoch primär für den ärztlichen Bereich entwickelt worden. Dort werden die spezifischen Bedürfnisse aus dem Bereich Physiotherapie nicht in der Weise abgedeckt, wie wir uns das wünschen und für richtig erachten.

Daher haben Sie ein eigenes Projekt zur Entwicklung einer Plattform gestartet – was war die Motivation?

BKOR: Ich finde, es ist Zeit, dass wir die Zukunft in diesem Bereich selbst aktiv mitgestalten. Wir brauchen aus meiner Sicht als Therapeutin eine Plattform, die von Fachkräften für Fachkräfte entwickelt wird, um die Qualität für die digitale Physiotherapie zu sichern.

Und die Therapeuten da draußen brauchen das meiner Ansicht nach unbedingt. Nur ein Teil der Praxen haben überhaupt einen Computer in ihrer Einrichtung stehen. Allein im Bereich der Grundausstattung ist also noch viel zu tun. Und es reicht ja nicht, die Hardware nur zu haben, man muss damit auch umgehen können. Die Kollegen brauchen Leute, die ihre Sprache sprechen. Daher habe ich zusammen mit Patrick Krott die Plattform „PhysiOnline“ ins Leben gerufen.

Wer hat die Projektentwicklung finanziert beziehungsweise unterstützt?

BKOR: In der Entwicklung des Projekts stecken vorwiegend unsere eigenen Ressourcen. Sponsoren oder ähnliches haben wir nicht. Unterstützt hat uns aber zum Beispiel der Verband Physio Deutschland NRW mit Zahlen und Informationen. Zudem haben wir mit der AOK über Fragen zur Umsetzung und Abrechnung gesprochen.

PK: Wir hatten also fachliche Hilfe, finanziert haben wir beide das Projekt mit unseren eigenen Ressourcen als Unternehmer.

An wen richten Sie sich?

PK: Wir richten uns einerseits an die Physiotherapeuten, aber auch an die Patienten und Klienten, die Online-Therapie durchführen möchten. Im Moment sind wir noch auf die Physiotherapie fokussiert. Wir denken in Zukunft dann aber auch an andere Therapiebereiche, dazu gehören Ergotherapie, Logopädie, Pflege und auch die Komplementärmedizin.

Welche Aspekte finden Sie wichtig? Was muss eine Plattform unbedingt können?

BKOR: Aus therapeutischer Sicht ist es sehr wichtig, dass die Beratung im 1:1 Setting in einem geschützten Rahmen möglich ist. Und zwar von der Planung bis zur Umsetzung. Zudem halte ich es für notwendig, dass es eine Möglichkeit gibt, die Ausschlusskriterien für die Therapie systematisch zu erfassen. Diese Möglichkeit bieten wir im Rahmen der Physio-Online-Sprechstunde. Darüber hinaus sollte es für Therapeuten unbedingt die Option geben, sich durch Schulungen selbst fit für die digitale Physiotherapie zu machen. Wir haben im Rahmen unserer Vorbereitungen einfach gemerkt, wie wenig die Videotherapie überhaupt erst genutzt wird und wie groß der Bedarf an Wissensvermittlung eigentlich wäre.

PK: Ganz wichtig in dem Kontext ist natürlich auch der Datenschutz. Der Datenaustausch muss sicher und DSGVO-konform umgesetzt sein. Es gibt Dokumente, die notwendig sind und es sollte möglich sein, diese Unterlagen über die Plattform zu übermitteln, dazu gehören zum Beispiel Datenschutzerklärung und Einverständniserklärung.

Die Vorteile für Patienten und Kunden liegen auf der Hand. Die digitale Therapie kann zum Beispiel zeitlich und örtlich unabhängig geplant werden. Welche positiven Effekte können die Therapeuten erwarten?

BKOR: Neben der Tatsache, dass wir mit Videotherapie im Prinzip ein mittlerweile erforderliches Angebot ins Portfolio aufnehmen, gibt es auch noch andere Aspekte, die zu bedenken sind.

Es gibt ja zum Beispiel auch Therapeuten, die aus den verschiedensten Gründen gerade nicht in einer Praxis arbeiten können, aber vielleicht dazu in der Lage wären und auch Lust hätten, Videotherapie anzubieten. Wir haben doch einen Fachkräftemangel, auf diese Weise könnten eventuell auch wieder Kollegen zurück in die Physiotherapie geholt werden, die aus dem Beruf schon weggegangen sind.

Und es eröffnen sich zusätzliche Perspektive, Stichwort Firmenprävention. Aktuell können die Präventionsangebote nicht in den Firmen vor Ort geplant werden. Dieses Problem ließe sich ganz wunderbar über Videoangebote lösen.

Wir haben so viele Möglichkeiten! Wir müssen sie aber auch nutzen und uns selbst als Berufsgruppe dafür engagieren.

Die Fragen stellte Dr. Tanja Boßmann

Mehr Infos und die Plattform finden Sie hier.