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08. Juni 2022

Stehende Tätigkeiten: Lässt sich die Belastung von der Basis her beeinflussen?

Im Gespräch mit Anna Gabriel und Torsten Pohl

Forschende an der Professur für Konservative und Rehabilitative Orthopädie an der Technischen Universität München beschäftigten sich unter der Leitung von Prof. Dr. med. Thomas Horstmann mit den subjektiv wahrnehmbaren Effekten eines speziellen Sicherheitsschuhs bei Mitarbeitenden eines Herstellers von Heizungs- und Lüftungstechnik. Die pt fragte nach.

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Crystal Eye Studio / shutterstock.com

Ihr habt im Rahmen einer randomisierten kontrollierten Studie die Wirkungen eines neuen Sicherheitsschuhs bei Personen mit stehender Tätigkeit untersucht – was ist aus der Forschung zu Arbeitsanforderungen bei Steharbeiten bekannt?

Anna Gabriel (AG): Stehen an sich stellt erst einmal kein Problem dar. Menschen mit sitzender Tätigkeit wird sogar empfohlen sich zwischendurch hinzustellen, dafür gibt es zum Beispiel Stehtische für Bürotätigkeiten. Problematisch wird es dann, wenn eine Haltung sehr lange statisch andauert. In der Forschung gibt es dafür den Begriff „Prolonged Standing“. Dieser Belastung sind ungefähr 50 Prozent der arbeitenden Bevölkerung weltweit ausgesetzt. Hier sind nicht nur Menschen in der Produktion, sondern zum Beispiel auch Security-Personal, Bankfachangestellte oder Kassiererinnen und Kassierer betroffen. Auf lange Sicht führt das lange Stehen nicht nur zu verminderter Arbeitsleistung und Produktivität, sondern auch zu erhöhter psychischer Belastung und berufsbedingten Verletzungen oder muskuloskelettalen Beschwerden.

Sehr häufig sind Füße und Sprunggelenke sowie die Unterschenkel betroffen. Aus Querschnittsstudien wissen wir, dass zwischen 31 und 59 Prozent der Befragten in diesen Bereichen Beschwerden angeben. Darüber hinaus ist bekannt, dass die Muskelaktivität in der unteren Extremität mit der Dauer des Stehens abnimmt und gleichzeitig das Fußblutvolumen zunimmt. Für muskuloskelettale Beschwerden, die aus erhöhter beruflicher Belastung resultieren, ist international der Fachbegriff „Work-related Musculoskeletal Diseases“ bekannt. Da die meisten Probleme multifaktoriell bedingt sind und sich die Symptome häufig nicht von jenen Erkrankungen, die unabhängig von der Arbeitsbelastung sind, unterscheiden, ist die Eingrenzung hier jedoch eine Herausforderung.

Torsten Pohl (TP): Wenn wir uns nun die möglichen Einflussfaktoren vor Augen führen, gehen die Überlegungen schnell in Richtung des Schuhwerks. Das kennen wir auch aus der Laufschuhforschung – dort werden seit vielen Jahren verschiedene Modelle untersucht, zum Beispiel für das Joggen. Hier sind die Tragezeiten allerdings kurz. Einen Arbeitsschuh trägt man viel länger, circa acht bis zehn Stunden jeden Tag, zudem sind hier Normen und Sicherheitskriterien mit zu berücksichtigen. Diese Aspekte beeinflussen die Eigenschaften eines solchen Schuhs natürlich. In diesem Bereich haben wir bisher wenig geforscht, sehen aber großes Potenzial. Wir kommen aus der Sportschuhentwicklung, dieses Projekt war nun ein erster Schritt in das Feld der Arbeitsschuhforschung.

Wen habt ihr untersucht? Was waren die Ein- und Ausschlusskriterien?

TP: Coronabedingt konnten wir unsere Probanden nicht in mehreren Unternehmen rekrutieren. Wir hatten dann aber das Glück, einen Hersteller von Heizungs- und Lüftungstechnik (Firma Wolf) für das Projekt zu gewinnen. Insgesamt konnten wir 97 Mitarbeitende aus der Produktion für die Studie rekrutieren. Nach Ende der Studie waren die Daten von 88 Teilnehmenden vollständig zur Verfügung. Wir haben die Altersspanne auf 18 bis 50 Jahre eingegrenzt. Bezüglich allgemeiner Beschwerden haben wir keine Limitationen gesetzt. So hatten wir Probanden mit und ohne muskuloskelettalen Problemen in der Studiengruppe dabei. Die Zuteilung zu den beiden Gruppen haben wir randomisiert durchgeführt.

AG: Menschen mit Sensibilitätsstörungen im Bereich des Fußes und Personen mit schwerwiegenden Erkrankungen haben wir allerdings ausgeschlossen. Und es gab auch organisatorische Gründe für den Ausschluss. Ein Proband hatte zum Beispiel Schuhgröße 50, ein anderer besaß eine orthopädische Schuherhöhung, diese Personen konnten wir deshalb nicht einschließen. Berufsbildbedingt war der größte Anteil – circa 90 Prozent – unserer Studiengruppe männlich. Das muss man bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigen.

Die Interventionsgruppe hat dann für vier Wochen einen Sicherheitsschuh mit aktiver Faszienstimulation getragen, die Kontrollgruppe ihre normalen bevorzugten Arbeitsschuhe – gab es weitere Maßnahmen/Instruktionen für die Teilnehmenden, die zu Studienbeginn schon muskuloskelettale Beschwerden hatten?

AG: Nein, die gab es nicht. Wir haben die gegebenenfalls vorhandenen Beschwerden mit dem Nordic Musculoskeletal Questionnaire (NMQ) erhoben und bei den Teilnehmenden mit Problemen dann zusätzlich einen regionsspezifischen Fragebogen benutzt, den Foot and Ankle Disability Index (FADI). Wir wollten auch Probandinnen und Probanden mit Beschwerden dabeihaben, da der untersuchte Schuh des Herstellers HAIX ja für alle arbeitenden Personen entwickelt wurde und wir aus Studien wissen, dass viele davon bereits Probleme haben. Wir haben zudem dokumentiert, ob jemand in Behandlung ist, aber haben aber keinen Einfluss auf die Therapie genommen. Der von uns in der Studie eingesetzte Sicherheitsschuh ist speziell an die natürliche Fußform angepasst und stimuliert mithilfe eines Verschluss-Straps die plantare Fußsohle. Dies könnte Ermüdungseffekten und eventuell auch Symptomen vorbeugen – so die Idee des Konzepts. Dies war die einzige Maßnahme für die Interventionsgruppe.

Welche Messverfahren und Assessments habt ihr sonst noch eingesetzt?

TP: Ich hole kurz ein wenig aus. Wir haben uns ja entschieden, eine Fragebogenerhebung zu machen. Wenn wir uns die Komplexität des Fußes und die Faktoren, die der Schuh beeinflussen soll, anschauen, wird deutlich, dass es gegebenenfalls sehr schwer ist, einzelne biomechanische Parameter zu identifizieren, die sich überhaupt verändern lassen und die einen klinisch relevanten Beitrag leisten, um zum Beispiel Schmerzen zu verringern. Daher haben wir nun in diesem ersten Projekt Fragebögen eingesetzt, um die eventuell vorhandenen arbeitsbezogenen Schmerzen sowie die Lebensqualität zu evaluieren.

Dazu haben wir valide und reliable Assessments benutzt. Neben den von Anna schon erwähnten Instrumenten kam für die Dokumentation von Lebensqualität beziehungsweise Wohlbefinden noch der WHO-5-Index zum Einsatz. Zudem haben wir das Ausmaß der körperlichen Anstrengung sowie Fatigue mit der numerischen Ratingskala (NRS) abgefragt. Darüber hinaus wir haben den Schuh selbst evaluiert und Tragehäufigkeit, Passform, Komfort und Stabilität abgefragt.

AG: Uns war es sehr wichtig, diese subjektiven Parameter in dieser Studie mit hineinzunehmen. Denn darüber bekommen wir ein sehr gutes Feedback über den Einfluss einer Intervention auf das Wohlbefinden und die Lebensqualität der Menschen. Aus Studien ist bekannt, dass objektive Parameter, zum Beispiel Befunde auf einem MRT-Bild, nicht mit den empfundenen Schmerzen korrelieren. Ziel des Schuhs ist es ja, die subjektiv empfundene Belastung und das Wohlbefinden der Mitarbeitenden durch das lange Stehen positiv zu beeinflussen. Und das wollten wir konkret untersuchen.

Welches Feedback gaben die Befragten?

AG: Erst kürzlich habe ich vom zuständigen Mitarbeiter der Firma Wolf eine Anfrage bekommen, da man dort die Schuhe jetzt für die gesamte Belegschaft anschaffen möchte. Das ist für mich schon ein gutes Indiz für ein sehr positives allgemeines Feedback.

Der Großteil der Teilnehmenden gab an, den Schuh häufig bis ständig getragen zu haben – auch das ist für uns ein positives Feedback. An der Stelle möchte ich hervorheben, dass die Kontrollgruppe ihren eigenen Lieblingsschuh tragen durfte. Der neue Schuh hatte in dem Sinne also eine sehr starke Konkurrenz.

Im freien Kommentarfeld haben viele zudem noch ein persönliches Statement eingetragen. Auch das haben wir gesammelt. Interessant war, dass wir so eine teilweise unrealistische Erwartungshaltung identifizieren konnten. Es gab zum Beispiel Teilnehmende, die angaben, dass sich ihre langjährig vorhandenen Fuß- oder Rückenschmerzen nicht verbessert hätten. Das hat uns überrascht, denn das war ja auch gar nicht das Ziel.

Die Schuhe der Interventionsgruppe hatten einen messbaren Effekt auf Wohlbefinden und Lebensqualität – wie lässt sich dies erklären?

TP: Ja, das ist gar nicht so einfach. Aber aus den Daten lassen sich schon einige Rückschlüsse ziehen. Der Schuh wurde einen Großteil des Tages getragen, das heißt die Interventionsexposition war sehr hoch. Und auf der anderen Seite sehr einfach – die Probanden haben lediglich den untersuchten Schuh angehabt.

Wir haben die Interventionsgruppe im Rahmen der Auswertung noch einmal in Probanden mit und ohne Beschwerden aufgeteilt. In dieser Subgruppenanalyse konnten wir bei der Untergruppe, die vor Beginn des Interventionszeitraumes über Schmerzen im Bereich des Fußes berichteten, in der nachher-Messung eine statistisch signifikante Schmerzverbesserung feststellen – und zwar in einem annähernd klinisch relevanten Ausmaß. Eventuell war dies einer der ausschlaggebenden Faktoren für eine Veränderung von Lebensqualität und Wohlbefinden. Außerdem gehen wir davon aus, dass sich durch den Schuh eventuell die Ermüdung insgesamt verringern lassen könnte. Auch das hat sich gegebenenfalls positiv auf die Gesamtsituation ausgewirkt.

AG: Ich möchte dazu noch ergänzen, dass wir unsere Intervention und Messungen in einer für die Belegschaft sehr stressigen Zeit durchgeführt haben. Coronabedingt waren die Produktionsanforderungen dort sehr hoch. Das heißt, obwohl die Stressbelastung deutlich höher war als zuvor, konnten wir trotzdem mit dem Schuh eine statistisch signifikante Verbesserung von Wohlbefinden und Lebensqualität dokumentieren.

Welche Fragen sollten künftige Studien untersuchen?

AG: Ich fände es wichtig noch mehr qualitative Forschung mit einzubringen und Mixed-Methods-Studien zu planen. Dort könnten viele Aspekte aus Sicht der Nutzenden abgefragt und ausgewertet werden. Mit Implikationen für die Weiterentwicklung.

TP: Für mich wären nun auch interessant, inwiefern sich das subjektive Empfinden, zum Beispiel was den Tragekomfort angeht, auch biomechanisch darstellen lässt. Es gibt Parameter, die die Koordination beim Abrollen beschreiben, von denen wir wissen, dass sie mit Bewegungsökonomie korrelieren. Menschen mit guter Koordination beim Abrollen verbrauchen auch weniger Energie beim Laufen. Spannend wäre es, solche Aspekte künftig auch in Arbeits-Settings zu analysieren.

Gibt es einen Interessenkonflikt?

TP: Die Studie wurde von der Firma HAIX finanziert. Wir haben aber selbstverständlich komplett unabhängig gearbeitet, das war unsere Bedingung. Natürlich hätten die Ergebnisse auch negativ ausfallen können, das war von Vorneherein klar. Wir haben das Projekt bewusst ausgewählt, weil wir den Ansatz und das Konzept des Schuhs interessant und vielversprechend fanden.

AG: Uns ist allgemein noch wichtig zu erwähnen, dass uns schon bewusst sein muss, dass ein Schuh alleine nicht alle Schmerzen „wegzaubert“ und dass zur Beeinflussung von Lebensqualität und Schmerz schon viel mehr gehört, nämlich umfassende, individuelle, personenzentrierte Untersuchung und Behandlung. Aber im Rahmen der sogenannten Verhältnisprävention in der Ergonomie könnte es ein möglicher Ansatz sein, die berufliche Belastungssituation zu modifizieren.

Die Fragen stellte Dr. Tanja Boßmann

Anmerkung

In der Studie kam der Sicherheitsschuh CONNEXIS® Safety von HAIX® zum Einsatz.

Anna Gabriel Anna Gabriel

Sie ist seit 2016 Physiotherapeutin (B. Sc. FH Gesundheitsberufe OÖ, AUT) und hat 2020 ihr Masterstudium (M.Sc.) im Bereich Health Science an der Technischen Universität München (TUM) abgeschlossen. Bis 2018 arbeitete sie als Physiotherapeutin bei der Physiozentrum AG in der Schweiz im Fachbereich Orthopädie. Von 2019 bis 2020 war Anna Gabriel wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Bewegungswissenschaften (TUM). Seit 2021 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Konservative und Rehabilitative Orthopädie und promoviert im Bereich der muskuloskelettalen Diagnostik und Rehabilitation. anna-gabriel@tum.de

35 : 45 Hochformat Torsten Pohl

Er studierte die Fächer wissenschaftliche Grundlagen des Sports (B.Sc.) sowie Bewegung und Gesundheit (M. Sc.) an der Technischen Universität München (TUM). Bis 2019 war er Sporttherapeut, zuletzt im PAT-Therapiezentrum in München. Seit 2012 betreut Torsten Pohl als Reha- und Athletiktrainer im Volleyball u.a. den ASV Dachau in der 2. Bundesliga und derzeit den Bundesstützpunkt VCO München. Seit 2013 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU München an der Professur für Konservative und Rehabilitative Orthopädie und promoviert im Bereich der Belastungssteuerung im dynamischen Gleichgewichttraining zur Stabilisierung der unteren Extremität. torsten.pohl@tum.de