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30. August 2022

Das Physio2Future-Modell

Ein Lösungsvorschlag für ein nachhaltiges Gesundheitssystem von Andreas Alt

Der Zustand der Physiotherapie im deutschsprachigen und auch im internationalen Raum benötigt kaum mehr kritische Begutachtungen – möchte man meinen. Die Schwachstellen sind von Land zu Land unterschiedlich.

Lesezeit: ca. 6 Minuten
Robert Kneschke / shutterstock.com

Über die Existenz einer nicht unbedeutenden Reihe von Herausforderungen, die es mehr oder weniger zwingend zu überwinden gilt, sind sich viele Expertinnen und Experten einig (1). Dass sich die Physiotherapie neben einem seit Jahrzehnten unterschätzten „Identifikationsproblem“ auch mit der Sensibilität für moralische und ethische Aspekte zur Aufarbeitung angehalten sehen sollte, ist ebenso bekannt (2).

Unzufriedene Mitarbeitende, die sich immer weiter öffnende Schere einerseits in Richtung konservativer Verbissenheit und anderseits in Richtung erhellender Fortschritte, wie der Akademisierung und der wachsenden Wissenschafts-Community sowie der Wunsch nach Akzeptanz und Wertschätzung in der Gesellschaft und im Gesundheitswesen bleiben präsent.

Was ist die Physio2Future

Die Physio2Future ist ein Teil der Lösung für ein nachhaltiges Gesundheitssystem innerhalb diesem die Physiotherapie zu einer autonomen, relevanten, effektiven und attraktiven Größe heranwächst (3).

Die Physio2Future besteht aus mindestens sechs Dimensionen, die verschiedene Variablen beinhalten (Abb. 1). Bei der Auswahl der Variablen wurde die jeweilige Relevanz und das Potenzial dieser als entscheidend beurteilt.

Abb. 1 Das Physio2Future-Modell Andreas Alt

Der Wert der Dimensionen kann und soll nicht selektiv definiert werden, da dieses Modell als ein dynamisches Kontinuum zu verstehen ist. Die „Energieeinheit“ des Physio2Future-Modells ist die „Identifikation“. Alle Physiotherapeutinnen und -therapeuten sollten sich mit den darin enthaltenen Schwerpunkten identifizieren können. Der Prozess des Modells im Zeichen des Kontinuums wird von Emergenz begleitet, was bedeuten, dass das Konstrukt und damit die Variablen des Konstrukts ständig zunehmen können.

Das Ziel des Physio2Future-Modells ist die Annäherung an den zeitlosen „Moment der Vortrefflichkeit“ der Physiotherapie (momentum excellentia). Der Weg dahin soll als Antrieb und als Leitbild wirken. In der Gegenwart soll das Modell auf die Notwendigkeit von Verantwortung hinweisen und interessierten Akteurinnen und Akteuren Schlüsselpunkte zeigen, die zur „Identifikation“ der Physiotherapie als „Profession“ nötig sind. Dazu eignen sich die sechs Dimensionen des Physio2Future-Modells:

Autonomie

Die Autonomie soll als zentrale Steuerung der unabhängigen und eigenmotivierten Selbststeuerung wahrgenommen werden und besteht bisher aus den Variablen Entwicklung, Antrieb, Verantwortung und Gesetz. Die autonome Physiotherapie verweist auf die eigens gewollte Entwicklung der Physiotherapie in Forschung, Bildung, Anwendung, Bereitstellung von potenzialentfaltenden Tätigkeitsfeldern, wie Einrichtungen (Praxen, Stationen, Studiengängen etc.) (4).

Nachhaltigkeit

Die Nachhaltigkeit stellt die gegenwärtige Chance auf eine verantwortungsbewusste und effektive Physiotherapie der Zukunft dar und besteht bisher aus den Variablen Förderung, Umweltbewusstsein, und Wirtschaftlichkeit. Im Zeichen der Nachhaltigkeit ergibt sich für die Physiotherapie eine neue Kompetenz der Physiotherapie. Umweltfreundliche, emissionsfreie und wirksame Medizin ist fast als Synonym für Physiotherapie zu verstehen (5, 6).

Evidenz

Die Evidenz ist die treibende Kraft der Veränderung und besteht aus den Variablen quantitativ, qualitativ und standardisiert. Die evidenzbasierte Medizin öffnet Türen in neue Anwendungsgebiete und verschafft Klarheit über Missverständnisse und Unstimmigkeiten in einer Disziplin. Zudem generiert sie die autonome Entwicklung und lehrt, Kompetenzen zu schaffen sowie Relevanzen zu erkennen und zu deuten (7).

Relevanz

Die Beurteilung der Relevanz wirkt wie eine scharfe Klinge, die der physiotherapeutischen Methodik die Richtung weist. Die Dimension Relevanz besteht bisher aus den Variablen medizinisch, klinisch und gesellschaftlich. Eine standardisierte Klarheit über Methoden, die medizinisch notwendig sind und durch Maßnahmen der Physiotherapie nachhaltig umgesetzt werden können, erweist sich als vorteilhafte Argumentationen für politische Bestimmungen und für die gesellschaftliche Aufklärung (8).

Effektivität

Die Effektivität verdeutlicht neben der Relevanz das Honorar und mindestens den Nutzen der Physiotherapie. Zu den Variablen der Dimension Effektivität zählen die zeitliche Unabhängigkeit, die Effizienz und die Zusammenarbeit. Der Wert der Effektivität wird von der Effizienz bestimmt und bezieht sich auf alle Bereiche der Physiotherapie (9). Entscheidend dabei ist die zuverlässige Antwort auf die Frage, welche davon am wenigsten Ressourcen benötigt, um wirklich nachhaltig zu funktionieren (10).

Humanzentrierung

Die Dimension Humanzentrierung beinhaltet die Variablen Qualität, Interaktion, Wertschätzung und Sinngebung. Motivierte und verantwortungsbewusste Physiotherapeutinnen und -therapeuten suchen den Sinn in ihrer Tätigkeit. Sie sind Physiotherapeuten, weil sie ernsthafte Probleme bewältigen wollen, wie es Verletzungen und andere gesundheitliche Einschränkungen nicht besser beschreiben können. Wollten Sie lediglich entlohnt werden, wären sie an quantitativer Fließbandarbeit interessiert (11). Wer bis zu fünf Jahre lang studiert, sich einer Vielzahl von wissenschaftlichen und fachlichen Prüfungen bis hin zu Peer-Review-Verfahren bei internationalen Publikationen ausgesetzt hat, will sein Wissen und sein Potenzial unter relevanten Bedingungen umsetzen. Die Qualität der Humanisierung sollte keine Unterschiede zwischen Fachleuten und Patientinnen sowie Patienten darstellen (12).

​Was kann die Physiotherapie selbst verändern, um sich der Physio2Future anzunähern?

Im Vordergrund steht die Sensibilisierung auf das demokratische System, mit diesem auch in der Physiotherapie Änderungen veranlasst werden. Genauso verhält es sich mit der längst fälligen Abschaffung der Zertifikatspositionen, die nur in Deutschland als vermeintlicher Qualitätsgarant dienen. Ebenso prägend wären die Reformationen von Curricula in physiotherapeutischen Ausbildungen und Studiengängen, die vermehrt auf Kompetenzen, Inkompetenzen, Evidenz, klinische Relevanz, nachhaltige Chancen und auf die Gleichstellung eingehen sollten. Die Erlangung längst verdienter Rechte, die mit denen von ÄrztInnen gleichziehen, wäre vertretbar.

Schlussfolgerung

Die Physiotherapie könnte in manchen Bereichen die Führungsrolle übernehmen, wie es zum Beispiel im Bereich der Health for Future realistisch denkbar wäre. Es sollte aus der Sicht der Inhaberinnen/Inhabern und Managerinnen/Managern nicht mehr darum gehen, wie viele Patienten pro Stunde oder Tag behandelt werden, sondern wie effektiv sie untersucht, versorgt und gemanagt werden. Aktuell jedoch, scheint es das Argument des britischen Mathematikers John Maynard Keynes am besten zu treffen: „The difficulty is not to understand new ideas, but to escape old ideas.“ Doch gerade wenn all die bekannten und bisher unbekannten Barrieren wieder aufzusteigen scheinen, lohnt sich vielleicht schon ein Blick auf das Modell Physio2Future.

Bei dieser Version handelt es sich um eine kurze Vorstellung des Modells. Eine ausführlichere Darstellung erfolgt Endes des Jahres in der pt Zeitschrift.

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Andreas Alt

Andreas Alt

Er ist Physiotherapeut und studierte an der Hoogeschool Thim van der Laan, Nieuwegein, NL (2012 B. A. Phys.) sowie der Deutschen Sporthochschule Köln (2015 M. Sc. Sportphysiotherapie). Seit 2015 war er an verschiedenen Projekten zur Wissenschaft im therapeutischen Gesundheitswesen beteiligt. Als Fachperson für therapeutische Qualität ist er bei der SportClinic Sihlcity in der Abteilung Physiotherapie tätig. Zudem ist er Doktorand an der Universität zu Lübeck. andreas-alt@gmx.de

Literatur

  1. Maric F, et al. 2021. Critical Physiotherapy: Introducing the German-speaking Section of the Critical Physiotherapy Network (DCPN). physioscience. 17, 01: 34-38
  2. Ringel S. 2021. Professionalisierung der deutschen Physiotherapie aus einer ethischen und moralischen Perspektive: Eine explorative Studie. GRIN-Verlag
  3. Alt A, et al. 2022. Physiotherapie Grundlagen (Best Practice), 3. Auflage. Amazon & Books
  4. Konrad R, et al. 2017. Ausbildung von Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten in Deutschland: Bereit für den Direktzugang? Gesundheitswesen (Bundesverband der Arzte des Offentlichen Gesundheitsdienstes (Germany)) 79, 7: e48-e55
  5. Palstam A, et al. 2021. A Call to include a perspective of sustainable development in physical therapy research. Phys. Ther. 101, 3: pzaa228
  6. Maric F, et al. 2021. Environmental physiotherapy and the case for multispecies justice in planetary health. Physiother. Theory Pract. Aug 7 [Online]
  7. Veras M, et al. 2016. What is evidence-based physiotherapy? Physiother. Can. 68, 2: 95-98
  8. Armijo-Olivo S. 2018. The importance of determining the clinical significance of research results in physical therapy clinical research. Braz. J. Phys. Ther. 22, 3: 175-176
  9. Robinson A, et al. 2019. The effectiveness of physiotherapy interventions on pain and quality of life in adults with persistent post-surgical pain compared to usual care: A systematic review. PLoS One 14, 12: e0226227
  10. Haik MN, et al. 2020. Biopsychosocial aspects in individuals with acute and chronic rotator cuff related shoulder pain: classification based on a decision tree analysis. Diagnostics (Basel) 10, 11: 928
  11. Bailey C, et al. 2019. Review of the Empirical Literature on Meaningful Work: Progress and Research Agenda. Human Resource Development Review. 18, 1: 83-113
  12. Pfülb M. 2022. Bundesrahmenvertrag im Fokus – Evidenzbasierte Praxiskonzepte haben es immer noch schwer. Z. f. Physiotherapeuten 74, 5: 12-14