_Praxis

pt_vor Ort

Zu Besuch bei Uwe Brandenburg, Physiotherapeut beim THW Kiel, dem deutschen Rekordmeister im Handball

Training

Prolog – beim Training

Ich hatte mich auf so etwas wie die ­Säbener Straße des FC Bayern München eingestellt: ein großes Trainingszentrum, Groupies und Stars, jede Menge kreischende Mädels und kleine Jungs in THW-Trikots, die darauf warten, ein ­Autogramm von einem ihrer Idole zu bekommen. Einigermaßen irritiert bin ich deshalb, als mein Navi »Sie haben Ihr Ziel erreicht« verkündet und ich im Ortsteil Kiel-Russee vor dem Schulhof einer Grundschule stehe. Irgendwo weit hinten ist ein Gebäude zu sehen, das eventuell eine Sporthalle sein könnte. Ich rufe den Kollegen Christoph Brandenburg an, mit dem ich vor Ort verabredet bin, und erkundige mich, ob ich mich vielleicht vertan habe. Der antwortet prompt: »Alles okay!«, und erzählt, dass der Verein gerade dabei sei, ein Trainings- und Therapiezentrum mithilfe von Stadt, Land und Sponsoren zu bauen; das sei aber noch nicht fertig, deshalb müsse man eine Zeit lang an drei verschiedenen Orten trainieren, und Handball sei eben nicht Fußball.

Auf dem Parkplatz neben der Schule finden sich derweil einige junge, sympathische und sportlich wirkende Männer ein, die alle auf ihren Smartphones herumtippen. Einer trägt ein Trikot mit ­einem skandinavischen Namen drauf, hier bin ich also doch richtig. Unauffällig folge ich den jungen Männern mit den modernen Frisuren.

Der Physiotherapeut Christoph Brandenburg ist selbst einmal Handballspieler in der Zweiten Bundesliga gewesen. Zur Zeit macht er seine Fachhochschulaus­bildung bei Prof. Mommsen. Der Sohn von Uwe Brandenburg begrüßt mich mit einem kräftigen Handschlag an der Turnhallentür. Die meisten Spieler tun es ihm nach. Ich werde als »der Herr von der Fachzeitung für Physiotherapeuten« ­vorgestellt, plausche kurz mit dem Kollegen Maik Bolte und nicke dem Trainer Alfred Gislason freundlich zu. Die Stimmung in der Halle ist außergewöhnlich gut. Ich fühle mich ein bisschen an meine Schulzeit erinnert. Sportunterricht. Eigentlich kein Glamour. Jungs unter sich. Irgendwie bodenständig, aber eben mit Gesichtern, die man aus dem Fernsehen kennt.

Uwe Brandenburg in seinem Arbeitszimmer: »Hier behandle ich auch manchmal, wenn es in der Reha zu voll ist!«

Uwe Brandenburg in seinem Arbeitszimmer: »Hier behandle ich auch manchmal, wenn es in der Reha zu voll ist!«

Maik Bolte ist schon in einem umgestalteten Geräteraum an einer Behandlungsliege tätig. Ein junger Spieler zeigt auf die Rückseite seines Oberschenkels und meint, seine Beschwerden seien schon besser, aber eben noch nicht verschwunden. Die Finger des Physiotherapeuten beginnen geschwind, sich durch die ­Verhärtungen der ischiocruralen Muskulatur des Sportlers zu arbeiten. Gleich­zeitig trinken einige der Mannschafts­kollegen noch einen Kaffee oder suchen nach ihren Wasserflaschen. Trainer ­Gislason entschuldigt sich bei mir dafür, dass ­eigentlich kein richtiges Training ­statt­findet: Beim Freundschaftsspiel gegen den dänischen Erstligisten BSV Bjerringbro-­Silkeborg am Vortag habe er einige Spieler zu sehr gefordert, deshalb stehe für heute Regeneration auf dem Plan.

Die THW-Spieler haben bereits ein Laufprogramm absolviert und sind nun dabei, sich zu dehnen. Danach gibt es zur Entspannung eine Runde Basketball. Beim Spiel am nächsten Tag, ­gegen Paris St. Germain (PSG), sollen alle wieder frisch und fit sein.

Mike und Christoph erzählen mir derweil einiges über ihren Physiotherapeuten-Alltag beim deutschen Handballmeister. Sie sind grundsätzlich für die Spieler da und ihre Behandlungen werden auch nachgefragt, die Spieler müssen sich aber selbst bei ihnen melden; es bekommt nicht jeder automatisch Behandlungen. Für manche Spieler ist Schmerz etwas, wo­rüber sie nicht sprechen wollen. Wer verletzt ist, wird natürlich vorrangig therapiert. Dann berichten die beiden Therapeuten mit leuchtenden Augen davon, wie sie zum Ende der letzten Saison den Mannschaftskapitän Filip Jicha trotz ­Bänder-, Sehnen- und Kapselverletzung sowie leichten Knochenkontusionen am Fuß immer wieder schmerzfrei bekommen haben. »Wie haben ihn bis zu acht Stunden am Tag behandelt: Manuelle Therapie, Osteopathie, MLD, mittel­frequente Elektrotherapie zur Geweberegeneration – alles, was geholfen hat. Hauptsache, er konnte spielen. Wir hatten auf der Position keinen gleichwertigen Ersatz und noch drei oder vier wichtige Spiele vor uns. Eine Woche nach der Verletzung hat er wieder gespielt. Die knappe Entscheidung der deutschen Meisterschaft zu unseren Gunsten rechtfertigt wohl den großen Aufwand!«

Jetzt kommt noch der Osteopath Jan Bock um die Ecke. Er klappt seine Behandlungsliege auf, auf der ziemlich schnell der Trainer liegt. Die Mannschaft spielt noch eine Weile Basketball, dann machen alle wieder ein ausgiebiges Dehnprogramm. Anschließend ist Physio-Time! Joan Canellas legt sich direkt auf den Mattenwagen vor Christoph. Auch hier: die Ischios. Weichteile werden verschoben und bearbeitet. Dabei wird darüber geplauscht, wo man in Kiel gut Pasta und Pizza essen kann. Rasmus Lauge übt ­währenddessen noch engagiert mit einem Pezziball; er hatte erst vor fünf Monaten eine VKB-Ruptur im rechten Knie. In trauter Männerrunde stehen und liegen wir alle ganz lässig herum. ­Atmosphäre: Irgendwie sind wir alle Sportler. Dann kommt der Nationalspieler Dominik Klein auf den Mattenwagen und wir führen noch ein kleines, feines Gespräch über die Wichtigkeit von Physiotherapie.


Jetzt kommt Uwe

Aber noch mal von vorne: Ich habe längere Zeit darüber nachgedacht, wie ich den Artikel eigentlich nennen soll. »Bei Brandenburgs« hört sich zu sehr nach Fernsehserie an, »Zu Besuch beim THW Kiel« würde höchstens die Hälfte des Artikels erfassen. »Im Gespräch mit einem Experten über viele und vielschichtige Aspekte und Problemstellungen der Physio- und Sportphysiotherapie« hätte mich als Leser schon so gelangweilt, dass ich nicht weitergelesen hätte. Also, es folgt von allem ein bisschen …

Angefangen hat die ganze Geschichte mit einigen Telefonaten, die ich mit Uwe Brandenburg geführt habe. Manchmal war er schlecht erreichbar, manchmal gar nicht, manchmal hatte er plötzlich viel Zeit. Irgendwann hat er mich dann zu ­einem Spiel des THW Kiel eingeladen. Schlafen könne ich bei seiner Mutter, die habe ein ganz wundervolles Zimmer mit Blick auf die Förde. Und das stimmt wirklich: Der Blick ist ganz wundervoll! Wenn man die Fenster öffnet, riecht es nach Salz und ständig kreischen die Möwen. »Muttern« ist 94 Jahre alt und echt auf Zack! In so einer Umgebung muss man gesund alt werden: Auf der Kieler Förde schippern den ganzen Tag Boote hin und her – kleine Segler, riesige Fähren, Containerschiffe, alle sehr langsam und gemächlich. Die meisten von ihnen fahren in den Nord-Ostsee-Kanal, der hier beginnt.

Landschaft prägt die Menschen, die in ihr leben. Uwe Brandenburg als jemanden zu bezeichnen, der seine Wurzeln in Kiel hat, klingt nicht richtig. Das Wort »Wurzeln« passt nicht. Er kommt einem mehr wie die Förde selbst vor: ein großes Wasser mit viel Bewegung, verschiedenen Buchten und Anlegestellen. Eher stilles Wasser; manchmal etwas Seegang, jede Menge Raum. Ein großer Tanker bewegt sich darauf in Richtung Sport-REHA-Kiel, ein flottes Segelschiff in Richtung Handball-Physio. Dann gibt es noch das kleine signalfarbene Lotsenschiff mit der Aufschrift »Narbenbehandlung« und den Angler, der nach immer besseren Therapiemöglichkeiten fischt.

Im Handball sind Robustheit, Kraft und Schnelligkeit körperliche Grundvoraussetzungen für die Spieler.

Im Handball sind Robustheit, Kraft und Schnelligkeit körperliche Grundvoraussetzungen für die Spieler.

 

Physiotherapeutische Stadtführung durch Kiel

Uwe sieht aus wie die athletische Version des Schauspielers Axel Milberg – Tatort Kiel. Er hat schon Autogramme im Supermarkt gegeben. »Hätte ja sein können, dass die vom Physio des THW ein Autogramm wollen. Sie haben dann die Unterschrift gesehen und gefragt, wie ich heiße. Als ich ›Uwe Brandenburg‹ gesagt habe, haben sie ›Jaja‹ geantwortet, und ›Sie wollen uns wohl veräppeln!‹ Die haben mir nicht geglaubt, dass ich nicht der Kommissar bin.«

An der Außenfassade des Kieler Museums hängen Bilder aus der Stadtgeschichte. Uwe zeigt mir das Bild, auf dem er mit der olympischen Fackel durch Kiel läuft, 1972 war das. Seinerzeit war er deutscher Jugendmeister im Zehnkampf.

Mit flotten Schritten laufen wir wenig später durch die Sport-REHA-Kiel. Hier ist er Geschäftsführer, zusammen mit einem Kollegen, und hat ungefähr 70 Mitarbeiter. Eigentlich hat er noch Urlaub, aber keiner der Angestellten erschrickt beim Anblick des Chefs; alle freuen sich. Schulterklopfen hier, flotte Sprüche dort. Patientinnen rufen: »Endlich sind Sie wieder da!« Bei jedem Schritt merkt man: Das ist Uwes Parkett, hier bewegt sich jemand, der seinen Platz gefunden oder, noch besser gesagt, selbst kreiert hat. »Ein empathischer Umgang mit meinen Patienten ist mir immer wichtig.« Das hätte er nicht sagen müssen, man merkt es auch so. Die »Kieler Nachrichten« schreiben am Tag vor dem Spiel THW gegen PSG, dass auch Uwe Brandenburg, der Urvater der THW-Physiotherapie, auf der Bank sitzt. Mehr Kompliment geht nicht.
Später fahren wir in ein Fitnessstudio. Hier trainiert der THW, wenn er nicht in den Hallen ist. Alles ist groß und modern: Trainingsgeräte, Sling Trainer, Hilfsmittel, um Propriozeption zu schulen, ein Tower, an dem geklettert werden kann, Klimmzugstangen, Tischtennisplatten, eine Slackline. Hübsche Mädels workouten ­neben älteren Herren. Hinter einer Trennwand steht noch eine Behandlungsliege.

Rasmus Lauge trainiert diszipliniert.

Rasmus Lauge trainiert diszipliniert.

 

Das Team ist wichtig

Uwe, Jahrgang 1954, erzählt aus seinem mittlerweile mehr als 30 Jahre andauernden Physiotherapeuten-Leben: Eigentlich wollte er mal Architekt oder Ingenieur werden. 1979 hat er dann aber eine Ausbildung zum Masseur gemacht und ­später unter anderem Manuelle Therapie gelernt, Brügger, Manuelle Lymphdrainage, Elektrotherapie, Sportphysiotherapie, Trainingstherapie, Faszientechniken, viszerale Osteopathie, APM. Seit 1981 betreut er den THW Kiel. »Damals haben wir zweimal die Woche trainiert, heute trainiert die Mannschaft zweimal am Tag; daran kann man sehen, wie sich der Handball bis heute entwickelt hat.«

Er sei eher introvertiert, sagt er. Die Handballer stehen bei ihm im Vordergrund. Aber mit dem Team werde man halt zwangsläufig bekannt. »Was der Eder in der Nationalmannschaft ist, ist der Brandenburg halt beim THW. Als Physiotherapeut in der Sportlerbetreuung lernst du, schnell und effektiv zu arbeiten, das kann man dann auch gut auf die Arbeit mit den ›Normalos‹ übertragen. Daraus entsteht eine gute Wechselwirkung.« Dass die Arbeit an einer Mannschaft Team­arbeit ist und sein sollte, betont er mehrfach: »Diese Grundtendenz ist mir wichtig! Jeder Einzelne sollte natürlich ein guter Therapeut sein. Aber insgesamt sollte man als Team sehr viel abdecken können. Die Teamkompetenz ist entscheidend. Wenn ich sage, ich bin ›nur‹ Maitland-Therapeut, dann beschneide ich mich selbst!«

Rasmus Lauge: fünf Monate nach V­­KB-Ruptur im rechten Knie schon wieder gut  im Training

Rasmus Lauge: fünf Monate nach V­­KB-Ruptur im rechten Knie schon wieder gut im Training


Im Gespräch mit Uwe Brandenburg

Der THW Kiel ist eine der besten Handballmannschaften Europas. 2014 habt ihr wieder die deutsche Meisterschaft gewonnen und den Sieg im Champions-League-Finale knapp verpasst. Wie fühlt es sich an, der Physiotherapeut einer so erfolgreichen Mannschaft zu sein?

Ich habe natürlich auch die weniger erfolgreiche Zeit mitbekommen. Mein ­Verhältnis zum THW ist über die Jahre emotional immer mehr gewachsen. Da steckt viel Herzblut drin und es fühlt sich großartig an, wenn man mit den Sportlern dann auch so viele Erfolge feiern kann.

 
Wie sieht ein normaler Arbeitstag von Uwe Brandenburg aus?

Seit kurzem sind wir mit zwei Physio-Stellen beim THW gut aufgestellt. Lange Zeitlief die Sportlerbetreuung eigentlich ­nebenher und hat den normalen Praxis­betrieb nicht gestört, aber schon beeinflusst. Die Sportler kamen halt vor oder nach den normalen Praxiszeiten oder in der Mittagspause. Das machte vielleicht insgesamt so zwei bis drei Stunden Sportlerbetreuung, parallel zur Trainings­betreuung, am Tag aus. Und klar, du bist natürlich mit der Mannschaft unterwegs. Die Behandlung von »normalen« Patienten ist mir aber nach wie vor wichtig.

 

Bist du beim THW nur rehabilitativ tätig oder auch beim Training eingebunden?

Mein Part ist ganz klar der therapeutische, und hier ist der Akutbereich meine Stärke. Der THW hat einen sehr guten Athletiktrainer. Wir sind aber immer beim Training dabei. Und weil es immer Spieler gibt, die nicht richtig trainieren können, nutzen wir die Zeit und therapieren parallel zum Training. Dadurch können wir die Behandlungszeiten der einzelnen Sportler ausdehnen. MLD, Faszientechniken, das machen, was gerade nötig ist.

Auch Handballprofis haben so ihre Problemzonen.

Auch Handballprofis haben so ihre Problemzonen.

 

Gibt es typische Handballerverletzungen?

Ja, sicher. Die obere Extremität ist häufig betroffen. Muskel-, Sehnen- und Kapselverletzungen an Schultern und Ellenbogen durchs Blocken der Gegner. Kapselverletzungen an den Fingern. Aber auch Sprunggelenks- oder Knieverletzungen, durch die hohe Dynamik in Kombination mit Rotationsbewegungen und – normalerweise – einigem Körpergewicht in Beschleunigung.

 

Welche körperlichen Voraussetzungen sollte ein Handballspieler mitbringen? Kann man die trainieren?

Ich habe mal den Boxer Arthur Abraham betreut. Der hat damals gesagt, dass er mit einem Kreisläufer nicht tausche wolle. Beim Boxen weiß man in der Regel, von wo die gegnerische Bewegung kommt; beim Handball nicht. Du kannst ihr auch häufig nicht ausweichen. Du hast nur ein Ziel: die grobe Torrichtung. Du machst zum Beispiel einen Sprungwurf, bekommst dabei zeitgleich einen Schlag auf die Schulter, musst eine Gegenbewegung machen, den Rumpf rotieren und alles ­innerhalb von Sekundenbruchteilen muskulär stabilisieren, und der Ball soll dabei möglichst auch noch in Richtung Tor fliegen. Das ist eine höchst anspruchsvolle Leistung. Unsere Jungs trainieren da so ziemlich alles, was ihnen dafür nützlich ist: Ganzkörperstabilisation, Sling Training, Langhanteln, rollende Liegestütze, Ball-Push-ups.

 

Wie engmaschig sind die Netzwerke im Profihandball?

Das Bestreben des medizinischen Teams ist es natürlich, die Spezialisten für die einzelnen Verletzungen heranzuziehen, um eine bestmögliche ärztliche und gegebenenfalls operative Versorgung zu bekommen.

 

Du hast zwei Söhne, die beide Physiotherapeuten geworden sind. Sieht so aus, als hättest du als Vater eine Menge richtig gemacht.

Darüber freue ich mich natürlich sehr! Mit den beiden im Austausch zu sein, ist schon sehr spannend und bringt viel Spaß. Meine zeitliche Abwesenheit von zu Hause hat sich wohl nicht negativ auf sie ausgewirkt. Meine Frau hat aber auch alles mitgetragen. Davor muss ich den Hut ziehen!

 

Wenn man den ehemaligen Handballbundestrainer Heiner Brand so anschaut, hat man das Gefühl, eine einzige lebende Schonhaltung vor sich zu sehen. Gibt es mittlerweile physiotherapeutische Möglichkeiten, den körperlichen Verschleiß von Profi-Handballern zu minimieren?

Unser Bestreben ist es sicher, genau das zu vermeiden. Die therapeutischen Möglichkeiten der medizinischen Teams ­haben sich in den letzten Jahren sehr verbessert. Wir arbeiten unter anderem  auch regenerativer als früher. Es gibt natürlich immer wieder solche körperbetonten Kamikaze-Spieler wie den Nikola Karabatic, der sich durch seine Spielweise mehr kaputt macht als nötig. Wir arbeiten aber daran, dass hier alle ihre Verantwortung wahrnehmen!

Physiotherapeut Christoph Brandenburg (li.) und pt_Redakteur Jörg Stanko

Physiotherapeut Christoph Brandenburg (li.) und pt_Redakteur Jörg Stanko


Beim Spiel

Gegen 17 Uhr bin ich an der Ostseehalle. Uwe hat mich eingeladen, den »Unser Norden«-Cup zu besuchen, um auch hier ein bisschen hinter die Kulissen schauen zu können. Der THW spielt an diesem Abend gegen die Handballmannschaft von PSG und das Team »CZ 20«, in dem der Spieler Christian Zeitz einige altehrwürdige Herren des Handballs um sich versammelt hat, um mit ihnen und dem Kieler Publikum seinen Abschied zu feiern. Um für die Kenner nur einige Namen zu nennen: Nikola Karabatic, Daniel ­Narcisse und Johan Petterson sind neben vielen anderen mit von der Partie.

Vor den Eingängen der Halle bilden sich bereits Besucherschlangen. Die Spieler aus Paris versuchen sich den Weg durch die Menschenmenge zu bahnen. Immer wieder bleiben sie stehen, um Autogramme zu geben. Ein junger Mann ist als Zebra verkleidet. (Die Spieler des THW werden als Zebras bezeichnet, was mich als Ruhrgebietsmenschen einigermaßen irritiert; bei uns sind die Zebras beim MSV Duisburg.)
Plötzlich bildet sich ein großer Pulk: Christian Zeitz ist erschienen. Er signiert Trikots, es werden Selfies geschossen, Schultern geklopft, Bedauern ausgesprochen.

Nachdem ich Akkreditierung und Eintrittskarte an der Kasse abgeholt habe, werde ich plötzlich von einigen Männern umlagert. Ich brauche ein paar Sekunden, bis ich verstehe, dass sie darauf hoffen, noch eine Karte zu ergattern. Ich zucke mit den Schultern und murmle: »Sorry, Presse …«

Ich habe einen Platz direkt seitlich hinter und neben dem Tor, das in der ersten Halbzeit von PSG verteidigt wird. Vor meinen Augen hüpfen schon einige französische Spieler herum, dehnen sich, üben Würfe, machen schnelle, irgendwie lustig anmutende, schlackernde Ruderbewegungen mit den Armen, bei denen Frau Klein-Vogelbach wahrscheinlich auch nicht so recht wüsste, ob die nun für Handballer funktionell sind (fürs Dribbeln?) oder Unfug. Der Torwart macht derweil einen stehenden Spagat am ­Pfosten. Diese gummimenschenmäßigen Handballtorwarte haben mich schon immer fasziniert! Weit hinten absolvieren die Spieler des THW Laufübungen.

 

Ein Ritual aus Kraft und Schnelligkeit

Die trubelige Stimmung in der Halle weicht immer mehr einer Atmosphäre der gespannten Erwartung. Nach der, na, ­sagen wir mal, »Jugendherbergsatmosphäre« beim Training bin ich einiger­maßen über die perfekte Inszenierung des Spiels erstaunt. Alles, was jetzt kommt, übersteigt bei Weitem, was ich bisher bei Sportveranstaltungen erlebt habe.

Bei den Handballspielen meines Sohnes laufen ein paar Mütter herum und kochen Kaffee. Eltern erhitzen schon mal ihre Gemüter, wenn sie das ein oder andere Foul sehen, von gegnerischen Jungs ausgeführt, die gefühlte fünf Jahre älter sind als der eigene Sprössling. Man feuert an, man freut sich über einen Gewinn, nimmt eine Niederlage nicht sonderlich ernst und geht nach dem Spiel nach Hause. Ein nettes Samstagnachmittagsvergnügen.

Hier in Kiel ist es gänzlich anders: Das Spiel gegen Paris ist kein sportliches, sondern ein mystisches Erlebnis, ein Fest der Heldenverehrung. Während die Spieler einlaufen, gibt es donnernden Applaus. Namen werden skandiert. Das Ganze wird durch tiefe, schnelle Bässe unterlegt, die sich ungefähr auf Schmerzschwellenniveau befinden. Es wird mit Licht gespielt. Das gesamte Publikum klatscht – ständig, während des gesamten Spiels. Es ist wie ein Rausch: Jeder Einzelne wird Teil eines Rituals, in dem Kraft und Schnelligkeit, Robustheit und Kampfeswille gefeiert werden. Die kollektive Herzfrequenz ist mindesten bei 140 Schlägen pro Minute. Das ist reinste Ekstase. Wir sind ein Spiel, eine Mannschaft, eine Stadt, ein Mensch! Ich hocke wie gebannt hinter meiner Bande und hoffe darauf, ein paar gute Fotos machen zu können. Ich sehe hier den endgültigen Beweis dafür, dass Menschen der Schwerkraft trotzen können! Die THW-Spieler fliegen durch den Sieben-Meter-Raum, kämpfen sich durch die Abwehrkette, werfen sich in den unmöglichsten Haltungen Bälle zu. Sie blocken Gegner, treffen exakt in die Ecken des Tors oder machen Aufsetzer. Das ist Kunst und Zauberei! Ich kann mit eigenen Augen sehen, was der Kollege Uwe beschrieben hat: Die körperlichen Anforderungen an Handballspieler sind hochkomplex.

In der Halbzeitpause, in der Schlange auf dem Herrenklo, bin ich dann doch wieder etwas ernüchtert: Hier sieht niemand im Entferntesten so aus, als hätten wir soeben ein gemeinsames spirituell-ekstatisches Erlebnis gehabt. Aber vielleicht ist gerade das das Geheimnis des Spiels: Eine Zeitlang gibt es keine Unterschiede mehr zwischen den Helden und dem ­Publikum – es gibt nur noch die Einheit des Spiels, in der eine Stunde lang alle Grenzen aufgehoben werden.

Nur eine einzige Frau scheint von dem ganzen Hype unberührt zu bleiben: das Fräulein mit dem Wischmopp. Sie springt nur auf, wenn ihr Können gefragt ist: Schnell eine Schweißpfütze entfernen, ­damit die Gladiatoren weiterspielen können. Emsig macht sie sich ans Werk und fällt bei Anpfiff sofort wieder in eine ­salzsäulenartige Starre.
Der Rest ist schnell erzählt: Irgendwann gab es während des Spiels noch eine Schrecksekunde – Filip Jicha hatte plötzlich nach einem Zweikampf ein schmerzverzerrtes Gesicht und musste zur Bank humpeln. Schnell war der Kollege Maik zur Stelle, inspizierte, palpierte, machte zwei, drei Griffe und alles war wieder gut! Filip konnte weiterspielen.

Nach dem Spiel gegen PSG gab es noch das Abschiedsspiel von Christian Zeitz. Hier war der Mysterienspielfaktor nicht ganz so hoch; eher wieder Schulhofatmosphäre. Die Spieler hatten Spaß, ließen das CZ-20-Team gewinnen, nahmen alles nicht so ganz ernst. Danach kam »Zeitzi« auf ein Podest, Videos wurden gezeigt, Geschenke gebracht. Ganz zum Schluss gab es noch mal eine Prise Walhalla: An der Hallenwand wurden zwei Bilder von Christian Zeitz enthüllt. (Viel Licht, ergreifende Musik, einige Tränen.) Hier hängen die ewigen Helden des THW. Ich bin gespannt, ob hier auch mal ein Bild von Uwe Brandenburg hängen wird. Ich würde es den Kielern zutrauen!

Auch der »Kiné« von PSG hat einiges zu tun.

Auch der »Kiné« von PSG hat einiges zu tun.

Zwischendurch habe ich übrigens noch kurz mit dem Kollegen Kinésithérapeute von PSG geplauscht: Wie es denn so wäre als Therapeut bei so einem großen Club, habe ich ihn gefragt. »Bon, mais fatigant!«, antwortete er – gut, aber anstrengend!

 

Im Gespräch mit Dominik Klein – Spieler beim THW Kiel und deutscher ­Nationalspieler

Während der Physiotherapie ganz entspannt: Dominik Klein im Gespräch.  Am rückwärtigen Oberschenkel (nicht im Bild): PT Christoph Brandenburg

Während der Physiotherapie ganz entspannt: Dominik Klein im Gespräch.
Am rückwärtigen Oberschenkel (nicht im Bild): PT Christoph Brandenburg

 

Dominik, welchen Stellenwert hat die Physiotherapie im Profi-Handball?

Wenn du mit dem THW Bundesliga, Pokal und Champions League spielst und noch in der Nationalmannschaft bist, hast du durch die Teilnahmen an Welt- und Europameisterschaften bald jeden zweiten Tag ein Spiel. Somit gilt es, die Regeneration des Körpers immer wieder zu unterstützen, und das Physio-Team ist dafür verantwortlich, uns so durch die Saison zu bringen. Da gilt immer: einen Dank an die, die einen bis in die Nacht hinein behandeln – unsere Physios sind immer die Letzten, die ins Bett gehen. Da sind wir als Spieler schon sehr, sehr gut aufgehoben.
Das Physiotherapeuten-Zimmer, sowohl hier als auch bei der Nationalmannschaft, ist immer auch ein Ort, zu dem immer alle hinkommen, an dem immer eine gute Stimmung ist. Das dient zusätzlich dazu, einen guten Teamgeist zu kultivieren.

Hast du eigene Verletzungserfahrungen gemacht?

Nee, toi, toi, toi, zum Glück nicht! Bei mir steht eher die Prophylaxe im Vordergrund. Klar, man hat immer auch mal ein Wehwehchen; aber man kennt seinen Körper über die Jahre eigentlich so, dass man weiß, was man vom Physio möchte, kennt seine Stellen, kennt die Behandlungserfolge, die man über die Jahre immer wieder hatte, und geht dann mit einer gezielten Fragestellung zum Physiotherapeuten.

 

ANMERKUNG
Abbildungen von Jörg Stanko

 

Heftnummer: 1-2015


Autor

Jörg Stanko

Physiotherapeut seit 1992; bis 2013 in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern tätig; Schriftsteller; schreibt Romane, Kinder­bücher und Ruhrgebietskrimis; Referent für Kreatives Schreiben; Vater eines Sohnes; freier pt-Autor und pt-Redakteur

stanko@pflaum.de

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