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... und wieder locker lassen!

Ein selbstloses Leben für die Allgemeinheit

Und plötzlich waren sie alle da – Stern, Spiegel, ZDF, ARD und ntv. Sogar einige Medien aus dem benachbarten Ausland. Ich saß ganz souverän vor der Sponsorenwand der pt und lächelte, nickte, begrüßte herzlich die Kollegen von der Presse: Ja, schön, dass sie alle hier versammelt seien, werde ja auch Zeit. Das Thema pressiert schon lange: die Vergütungs- respektive Nicht-Vergütungssituation in der deutschen Physiotherapie. Einige machten Bilder, andere filmten und alle stellten sie Fragen. Konsterniert, verwundert. Viele schüttelten mit dem Kopf. Wie einer (ich) das aushalten könne? Fast 25 Jahre lang für »eigentlich kein Geld« zu arbeiten. ­Ehrenamtlich, sozusagen. Trotzdem eine Familie durchgebracht! Löblich, löblich.

Es ging ein fast unhörbares Raunen durch die Menge. Ich meinte das Wort »Bundesverdienstkreuz« zu hören. Am nächsten Tag würde mich sicher Dr. ­Grönemeyer anrufen. Und die Kanzlerin. Und der Chef der Opposition. Alle würden sie mir zustimmen! »Haben wir schon immer gesagt: Die Physiotherapeuten sind ja soooo unterbezahlt!« Man würde mich in Ausschüsse berufen … und ich würde in einer dicken Limousine samt Chauffeur durch Berlin fahren, mit Janis Joplins (abgewandelten) Worten auf den Lippen: »Oh Lord, thanks for buying me a Mercedes Benz, my friends all drive Skoda …« Ja, ich hätte es endlich geschafft!

Zunächst aber musste ich, weiterhin winkend, den Presseraum verlassen. Wie nicht anders zu erwarten, standen meine treuesten Patienten direkt hinter der Tür. Es gab donnernden Applaus, Unterarmgehstützen wurden in die Luft geworfen. Der ganze Flur war feierlich mit Kinesio-Tape verziert. Bandscheibenpatienten, die jahrelang unter Schmerzen gelitten hatten, klopften mir auf die Schultern. Menschen, die ehemals Halbseitenlähmungen hatten, hüpften mir vergnügt entgegen. Ein kleiner Junge zeigte mir stolz seinen Ellenbogen: »Schau mal, ich kann ihn wieder bewegen.« Nach einer komplizierten Fraktur war das alles andere als selbstverständlich gewesen. Seine Mutter hatte Tränen in den Augen. Ich auch. Gut, dass die Kameras noch dabei waren: Diese Bilder gingen um die Welt.

Mein Facebook-Account quoll über vor Kommentaren wie: »Endlich bekommen wir mal Anerkennung für unseren Job!«, »Physiotherapie forever!«, »Danke, Pezziball!« Genesene Patienten schickten Selfies von ihren Knien, Obama ein Glückwunschtelegramm.

Dann klingelte der Radiowecker. Er spielte »Nur geträumt« von Nena. Wie passend. Ich schleppte mich zur Kaffeemaschine. Es war auch noch Montag. Träume sind Schäume. Oder?

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Heftnummer: 3-3015


Autor

Jörg Stanko

Physiotherapeut seit 1992; bis 2013 in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern tätig; Schriftsteller; schreibt Romane, Kinder­bücher und Ruhrgebietskrimis; Referent für Kreatives Schreiben; Vater eines Sohnes; freier pt-Autor und pt-Redakteur

stanko@pflaum.de

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