_Praxis

Update Lagerungsschwindel

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Eine Patientin kommt in die Praxis und klagt über einen Drehschwindel, der aber nur im Liegen auftritt. Er dauert maximal eine Minute und wird von Übelkeit und einem Nystagmus begleitet. Deshalb verdichtet sich der Verdacht auf einen benignen paroxysmalen Lagerungsschwindel. Kardiologische oder zervikogene Pathologien können durch die ärztliche Diagnostik und physiotherapeutische Anamnese sowie klinische Tests ausgeschlossen werden.

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Mit einer Prävalenz von 17,1 Prozent ist der benigne paroxysmale Lagerungsschwindel (BPLS) die häufigste Ursache für Schwindel (1). Die drei häufigsten Ursachen für den Lagerungsschwindel wiederum teilen sich nach prozentualem Anteil folgendermaßen auf: 58 Prozent sind idiopathisch, 18,2 Prozent posttraumatisch und 8,6 Prozent durch eine Neuritis vestibularis bedingt (2).

Zu den idiopathischen Ursachen zählt auch die Degeneration der Otolithen, die vor allem im hohen Alter stärker vorkommt. Die Statistik der Klinik der Emory University zeigte, dass in der Altersgruppe der 30- bis 39-Jährigen bei 360 Patienten 45 Fälle von Lagerungsschwindel festgestellt wurden; dies entspricht einem Anteil von 12,5 Prozent (2). In der gleichen Klinik wurde in der Altersgruppe der 70- bis 79-Jährigen bei 752 Patienten insgesamt 188-mal die Diagnose Lagerungsschwindel gestellt – ein Anteil von 25 Prozent (2).

Die einfach zu verstehende Pathologie des Lagerungsschwindels und die Anatomie des Vestibularorgans sind in sämtlichen Medizinbüchern und online leicht auffindbar und werden daher in diesem Beitrag nicht näher beschrieben.


Wichtig zu wissen

Bevor wir uns der Diagnostik und Behandlung des Lagerungsschwindels widmen, sind ein paar Fakten wichtig für das Hintergrundwissen: 90 Prozent der Lagerungsschwindel-Fälle betreffen den hinteren Bogengang (1). In etwa fünf bis zehn Prozent der Fälle ist der seitliche Bogengang betroffen, in maximal fünf Prozent der Fälle der vordere Bogengang (1).

Bei geschätzten 400 erfolgreich behandelten Patienten mit Lagerungsschwindel diagnostizierte der Autor lediglich vier Fälle, bei denen der seitliche Bogengang betroffen war. Trotz der hohen Anzahl an Patienten hat der Autor noch nie einen Lagerungsschwindel im vorderen Bogengang festgestellt. Somit kann guten Gewissens gesagt werden, dass sich Anfänger lediglich auf die Diagnostik und Behandlung des Lagerungsschwindels im hinteren Bogengang konzentrieren sollten. Da es sich um ein Update und eine Zusammenfassung handelt, werden natürlich auch die anderen beiden Bogengänge kurz angesprochen.

Daneben ist es auch wichtig zu wissen, dass bei einem Lagerungsschwindel die Otolithen entweder im Bogengang frei schwimmen (Canalolithiasis) oder sich an der Cupula “verhakt” haben beziehungsweise haften (Cupulolithiasis). Die Cupulolithiasis zeichnet sich durch eine heftigere Symptomatik und vor allem eine hartnäckige Resistenz gegenüber den Manövern aus. Beim hinteren Bogengang kommt eine Cupulolithiasis sehr selten vor, wogegen beim horizontalen Bogengang schon diagnostisch zwischen den beiden Formen differenziert werden muss, bevor Patienten erfolgreich behandelt werden können.

Zu guter Letzt ist auch zu beachten, dass der Lagerungsschwindel mit einer Rezidivrate von 27 Prozent in 47 Monaten (3) eine Erkrankung ist, die Patienten selten nur einmal plagt. Verschiedene Studien bestätigen eine ähnliche, wenn nicht sogar eine höhere Rezidivrate (4). Die Befreiungsmanöver haben zum Beispiel beim Lagerungsschwindel im hinteren Bogengang eine Erfolgsrate von über 95 Prozent (1), aber auch ohne Manöver kann ein Lagerungsschwindel vergehen. Die spontane Remission liegt für den hinteren Bogengang im Schnitt bei 39 Tagen und für den horizontalen Bogengang bei 16 Tagen (5). Dennoch zeigt eine Studie, dass die Rezidivrate bei einer spontanen Remission viel höher liegt als bei einer Behebung durch Befreiungsmanöver (6). Hinzu kommt, dass das Abwarten einer spontanen Remission den Patienten nicht zugemutet werden kann und sollte.


Lagerungsschwindel im hinteren Bogengang

Die Hypothese Lagerungsschwindel sollte aufgestellt werden, wenn der Patient von einem Drehschwindel berichtet, der im Liegen mit überstrecktem Kopf auftritt. Wenn er sogar genau weiß, ob der Schwindel bei der Drehung im Bett nach rechts oder links auftritt, so könnte die Anamnese bereits Indizien für die betroffene Seite liefern. Auch beim Hochkommen aus dem Liegen tritt Schwindel auf.

Dix-Hallpike-Test als Goldstandard

Um die Hypothese zu bestätigen, wird der sogenannte Dix-Hallpike-Test ausgeführt. Mit einer Sensitivität von 79 Prozent und einer Spezifität von 75 Prozent handelt es sich um einen zuverlässigen diagnostischen Test und zugleich um den Goldstandard (7).

Bei diesem Test bewegt die im Langsitz sitzende Patientin den Kopf um 45 Grad nach rechts oder links – je nachdem, welche Seite getestet wird – und streckt ihn um 20 bis 30 Grad. In dieser Kopfhaltung legt sie sich schnell auf den Rücken. Bei einem positiven Testergebnis tritt innerhalb von wenigen Sekunden, spätestens jedoch innerhalb von 30 bis 40 Sekunden ein Nystagmus auf (2). Dieser zeichnet sich durch einen nach oben schlagenden (“upbeat”) und je nach betroffener Seite nach rechts oder links rotierenden Nystagmus aus.

Bei einer Canalolithiasis vergeht dieser Nystagmus meist innerhalb von zehn Sekunden (8), kann aber auch bis zu 60 Sekunden dauern (2). Bei der hartnäckigen Cupulolithiasis hält der Nystagmus länger als 60 Sekunden an (2), sodass der Untersucher nach Feststellung der Cupulolithiasis den Test abbricht. Mit Beginn und Ende des Nystagmus beginnt und endet auch das drehende Schwindelgefühl der Patientin.

Therapie mit Epley oder Semont

Der Lagerungsschwindel im hinteren Bogengang kann effektiv mit dem Epley- oder Semont-Manöver behandelt werden. Obwohl beide Manöver sehr effektiv sind, hat eine Studie gezeigt, dass das Epley-Manöver effektiver als das Semont-Manöver ist (9). Der Autor dieses Beitrags wendet nur das Epley-Manöver an und benutzt das Semont-Manöver zusätzlich bei einer Cupulolithiasis im hinteren Bogengang.

Epley-Manöver

Der Einfachheit halber soll von einem Lagerungsschwindel im rechten hinteren Bogengang ausgegangen werden. Der erste Schritt des Epley-Manövers ist die Ausführung des Dix-Hallpike-Tests – daher bietet es sich an, nach einem positiven Testergebnis gleich in das Manöver überzugehen. Die Patientin legt sich mit einem um 45 Grad nach rechts gedrehten und 30 Grad gestreckten Kopf schnell auf den Rücken (Abb. 3). Es treten Nystagmus und Schwindel auf. Nun wird gewartet, bis der Nystagmus aufhört und die Patientin das Ende des Schwindels bestätigt. Dann wird noch einmal 30 Sekunden gewartet; anschließend erfolgt die Einleitung von Schritt zwei (8).

Nach 30 Sekunden dreht die Patientin den Kopf um 45 Grad nach links zur nicht betroffenen Seite, wobei die 30-Grad-Streckung beibehalten wird (Abb. 4). Nun wird wieder abgewartet, bis der Nystagmus und der Schwindel sich einstellen. Danach wird erneut 30 Sekunden gewartet.

Nun folgt der dritte Schritt des Manövers: Die Patientin legt sich auf die linke, nicht betroffene Seite und schaut zum Boden. Die 45-Grad-Kopfdrehung bleibt bestehen, jedoch muss der Kopf nicht mehr in gestreckter Position gehalten werden. Nun folgt wieder die gleiche Regel: abwarten, bis Nystagmus und Schwindel aufhören, und dann erneut 30 Sekunden warten. Danach setzt sich die Patientin auf und das Manöver ist beendet.

Da Patienten nach dem Aufsetzen einen Schub bekommen können, sollte der Therapeut stets in ihrer Nähe bleiben. Nach einer kleinen Pause sollte das Manöver wiederholt werden. Wenn die erste Wiederholung erfolgreich war, wird bei der zweiten Wiederholung weder ein Nystagmus noch ein Schwindel auftreten; nach diesem Ergebnis wird die Behandlung abgeschlossen. Anderenfalls wird das Manöver so lange wiederholt, bis kein Nystagmus und kein Schwindel mehr auftreten.

Bei einer Canalolithiasis werden erfahrungsgemäß durchschnittlich zwei bis vier Wiederholungen benötigt. Bei einer Cupulolithiasis, die im hinteren Bogengang deutlich seltener vorkommt, werden möglicherweise selbst vier Durchgänge nicht genügen, sodass zusätzlich einige Male das Semont-Manöver ausgeführt werden muss.

Semont-Manöver

Bei diesem Manöver dreht die Patientin den Kopf um 45 Grad zur nicht betroffenen Seite und legt sich dann schnell auf die betroffene Seite (Abb. 7). Sie bleibt in dieser Position eine Minute lang liegen (2).

Danach legt sich die Patientin mit einer schnellen Bewegung von der betroffenen auf die nicht betroffene Seite, wobei die 45-Grad-Kopfdrehung nicht verändert wird (Abb. 8). Nach einer Minute setzt sie sich wieder auf und das Manöver ist beendet. Auch dieses Manöver wird so lange ausgeführt, bis kein Schwindel mehr auftritt.

Update hinterer Bogengang

Generell muss betont werden: Die Idee, dass das Manöver mehrmals täglich über eine Woche ausgeführt werden müsse, ist stark veraltet. Nach einem erfolgreichen Manöver ist der Lagerungsschwindel mit sofortiger Wirkung behoben und es muss nicht weiter geübt werden. Die Maßnahmen nach dem Manöver, wie zum Beispiel 48 Stunden den Kopf aufrecht zu halten oder nicht auf der betroffenen Seite zu schlafen, wurden ebenfalls widerlegt (10). Es wird nun lediglich empfohlen, den Kopf nach dem Manöver 20 Minuten aufrecht zu halten (2).

Zur Behandlung des hinteren Bogengangs muss erwähnt werden, dass das Manöver nicht möglichst schnell ausgeführt werden sollte. Leider gibt es noch viele Ärzte, welche die Patienten auf brutale Weise von einer Seite auf die andere “schleudern” – dies sorgt lediglich dafür, dass die Patienten Angst bekommen, nicht stillhalten und das Manöver abbrechen wollen. Letztendlich ist die Endolymphe eine träge, zähe Flüssigkeit und wenn beispielhaft “der Joghurtbecher langsam auf den Kopf gestellt wird, läuft der Joghurt auch aus dem Becher”. Deshalb ist das lange Verweilen in einer Position viel wichtiger als die Geschwindigkeit der Ausführung (2).

Lagerungsschwindel hinterer Bogengang: Dix-Hallpike-Test für die linke Seite

Abb. 1, 2 Lagerungsschwindel hinterer Bogengang: Dix-Hallpike-Test für die linke Seite

Abb- 36 Lagerungsschwindel hinterer Bogengang: Epley-Manöver für die rechte Seite

Abb. 3-6 Lagerungsschwindel hinterer Bogengang: Epley-Manöver für die rechte Seite

Abb. 7-8 Lagerungsschwindel hinterer Bogengang: Semont-Manöver für die rechte Seite

Abb. 7-8 Lagerungsschwindel hinterer Bogengang: Semont-Manöver für die rechte Seite

Abb. 9, 10 Lagerungsschwindel seitlicher Bogengang: Supine-Roll-Test

Abb. 9, 10 Lagerungsschwindel seitlicher Bogengang: Supine-Roll-Test

Abb. 11, 12 Lagerungsschwindel seitlicher Bogengang: Bow-and-Lean-Test

Abb. 11, 12 Lagerungsschwindel seitlicher Bogengang: Bow-and-Lean-Test


Lagerungsschwindel im seitlichen Bogengang

Es wird betont, dass die Behandlung des Lagerungsschwindels im seitlichen Bogengang äußerst anspruchsvoll und herausfordernd ist; entsprechend ist unbedingt eine Fortbildung in diesem Bereich erforderlich. Nichtsdestotrotz werden Diagnostik und Behandlung im Folgenden kurz erläutert.

Für die Hypothese “Lagerungsschwindel im seitlichen Bogengang” ist wieder ein drehendes Schwindelgefühl typisch, das im Liegen auftritt. In diesem Fall verschlimmert sich jedoch der Schwindel sowohl bei der Kopfdrehung zur betroffenen als auch zur nicht betroffenen Seite. Das Hochkommen aus der liegenden Position wird ebenfalls Schwindel verursachen. Des Weiteren ist für den seitlichen Bogengang eine Schwindelprovokation beim Vorbeugen (zum Beispiel um die Schuhe zuzubinden) oder beim Hochschauen typisch.

Supine-Roll-Test

Da im seitlichen Bogengang die Cupulolithiasis häufiger vorkommt, muss zunächst geklärt werden, um welche Form von Lagerungsschwindel es sich handelt. Hierfür wird der Supine-Roll-Test benutzt: Die Patientin liegt auf dem Rücken, mit einer 20-Grad-Flexion des Kopfes, und “rollt” den Kopf nach rechts und nach links. Wie erwähnt werden Schwindel und Nystagmus bei der Kopfdrehung nach links und auch nach rechts auftreten.

Lange wurde versucht, anhand der Nystagmus-Intensität die betroffene Seite zu differenzieren; die Fehlerquote ist dabei jedoch relativ hoch (2). Daher sollte der Supine-Roll-Test nur genutzt werden, um festzustellen, ob es sich um eine Cupulolithiasis oder Canalolithiasis handelt. Es gilt, dass ein Nystagmus, der nicht ermüdet und den Anschein macht, nicht aufhören zu wollen, auf eine Cupulolithiasis deutet, wogegen ein kurzer Nystagmus auf eine Canalolithiasis hinweist. Als Faustregel kann man sich, wie oben bereits beschrieben, an einem Zeitraum von 60 Sekunden orientieren.

Zusätzlich lassen sich die beiden Formen an der Richtung des Nystagmus unterscheiden: Bei einer Canalolithiasis ist der Nystagmus geotrop (schlägt zum Boden), bei einer Cupulolithiasis ageotrop (schlägt zur Decke). Um Missverständnisse zu vermeiden, sollte erklärt werden, dass der Nystagmus horizontal ist, jedoch entweder nach rechts (zur Decke) oder links (zum Boden) schlägt, wenn im Liegen der Kopf zum Beispiel nach links gedreht wird.

Differenzierung Lagerungsschwindel

Woran lässt sich erkennen, welche Seite betroffen ist? Aufschluss gibt der Bow-and-Lean-Test (11, 12): Die Patientin soll dabei einmal den Kopf um 90 Grad nach vorne beugen (Abb. 11) und einmal um 45 Grad nach hinten lehnen (Abb. 12). Nun wird es kompliziert, denn je nach Form des Lagerungsschwindels wird der Nystagmus anders interpretiert.

Bei einer Canalolithiasis schlägt der Nystagmus beim Vorbeugen zum betroffenen Innenohr und beim Zurücklehnen des Kopfes zur nicht betroffenen Seite (11, 12). Bei einer Cupulolithiasis ist es genau umgekehrt: Hier schlägt der Nystagmus beim “Bow” zur nicht betroffenen Seite und beim “Lean” zur betroffenen Seite (11, 12). Spätestens jetzt wird deutlich, dass die Behandlung des seitlichen Bogengangs unbedingt eine hohe Expertise und viel Erfahrung erfordert, denn sie ist wesentlich komplizierter als die Behandlung des hinteren Bogengangs.

Therapie Canalolithiasis

Der Einfachheit halber soll von einer Canalolithiasis im linken seitlichen Bogengang ausgegangen werden. Für die Behandlung existieren zwei Optionen: das Lempert-Manöver und das Gufoni-Manöver. Keines ist dem anderen überlegen, daher sollten beide Manöver ausgeführt werden.

Lempert-Manöver

Beim Lempert-Manöver werden Schwindel und Nystagmus mit der Kopfdrehung zur betroffenen, linken Seite im flachen Liegen provoziert. Nach der Provokation dreht die Patientin schrittweise den Kopf um 90 Grad zur entgegengesetzten Seite. Da vom betroffenen, linken Ohr ausgegangen werden soll, wird der Kopf in 90-Grad-Schritten im Uhrzeigersinn bewegt. Nach jedem Schritt wird gewartet, bis der Nystagmus aufhört; dann folgt eine Wartezeit von 15 Sekunden (2). Wenn die Patientin den Kopf einmal um 360 Grad gedreht hat und nun wieder “die Nase nach links zeigt”, ist das Manöver beendet.

Gufoni-Manöver

Das Gufoni-Manöver wird folgendermaßen durchgeführt: Die Patientin legt sich für zwei Minuten auf die nicht betroffene, rechte Seite. Anschließend dreht sie den Kopf schnell um 45 Grad zur nicht betroffenen, rechten Seite (“Nase zur Bank”). Auch diese Position wird für zwei Minuten gehalten. Nun wird der Supine-Roll-Test wiederholt und falls das Ergebnis negativ ist, ist die Patientin geheilt.

Therapie Cupulolithiasis

Zur Behandlung einer Cupulolithiasis im seitlichen Bogengang empfehlen manche Experten, den Kopf um 90 Grad zu beugen und kräftig zu schütteln (1) : So sollen sich die Otolithen von der Cupula lösen. Beim Autor dieses Artikels war diese Vorgehensweise bisher nicht erfolgreich.

Eine andere Option ist das Gufoni-Manöver für eine Cupulolithiasis (nicht zu verwechseln mit der oben beschriebenen Variante für eine Canalolithiasis). Bei diesem Manöver legt sich die Patientin auf die betroffene Seite und nach zwei Minuten wird der Kopf um 45 Grad nach oben gedreht (“Nase zur Decke”). In dieser Position bleibt sie für zwei Minuten, bevor sie sich wieder aufrichtet. Wichtig zu wissen ist, dass bei diesen Manövern die Cupulolithiasis zu einer Canalolithiasis umgewandelt wird und dann dementsprechend weiterbehandelt werden muss.

 

Abb. 13 -17 Lagerungsschwindel seitlicher Bogengang:, Therapie Canalolithiasis: Lempert-Manöver für die linke Seite

Abb. 18, 19 Lagerungsschwindel seitlicher Bogengang, Therapie Canalolithiasis: Gufoni-Manöver für die linke Seite

Abb. 20a-c Lagerungsschwindel seitlicher Bogengang: Therapie Cupulolithiasis

Abb. 21, 22 Lagerungsschwindel seitlicher Bogengang: Gufoni zur Therapie Cupulolithiasis


Lagerungsschwindel im vorderen Bogengang

Da diese Form äußerst selten vorkommt, soll sie nur kurz angesprochen werden. Der Lagerungsschwindel im vorderen Bogengang wird ebenfalls mithilfe des Dix-Hallpike-Tests diagnostiziert; allerdings sollte ein nach unten schlagender Nystagmus auftreten (“downbeat”), denn beim hinteren Bogengang schlägt der Nystagmus nach oben (“upbeat”). Die rotierende Komponente des Nystagmus zur betroffenen Seite tritt auch beim vorderen Bogengang auf (2).

Nach der Diagnose kann zum Beispiel das Yacovino-Manöver durchgeführt werden. Dabei legt sich die Patientin auf den Rücken und es wird eine Extension der Halswirbelsäule von mindesten 30 Grad ausgeführt (der Kopf hängt von der Bank herunter). Nach 30 Sekunden folgt eine volle Flexion der Halswirbelsäule für weitere 30 Sekunden in der Rückenlage (Kinn auf die Brust). Danach setzt sich die Patientin auf, wobei die volle Flexion noch für 30 Sekunden gehalten wird.

Die Evidenz bezüglich der Manöver für den vorderen Bogengang ist fraglich: Da diese Form des Lagerungsschwindels so gut wie nie vorkommt, ist es nicht möglich, an einer großen Anzahl von Probanden die Effektivität der Manöver zu belegen.


Fazit

Um den Lagerungsschwindel im hinteren Bogengang zu diagnostizieren, nutzt man den Dix-Hallpike-Test. Zur Behandlung sollte das Epley- oder das Semont-Manöver durchgeführt werden. Der Autor empfiehlt das Epley-Manöver bei einer Canalolithiasis und das Semont-Manöver bei einer Cupulolithiasis.

Um den Lagerungsschwindel im seitlichen Bogengang zu diagnostizieren, sollte zuerst der Supine-Roll-Test und anschließend der Bow-and-Lean-Test durchgeführt werden: Ersterer, um zwischen Canalolithiasis und Cupulolithiasis zu differenzieren, und Letzterer, um die betroffene Seite festzulegen. Zur Behandlung einer Canalolithiasis im seitlichen Bogengang sollte das Lempert- oder das Gufoni-Manöver für eine Canalolithiasis durchgeführt werden. Zur Behandlung einer Cupulolithiasis im seitlichen Bogengang sollte entweder der vorgebeugte Kopf kräftig geschüttelt werden oder das Gufoni-Manöver für eine Cupulolithiasis durchgeführt werden. Zur Erinnerung: Bei diesen Manövern wird die Cupulolithiasis zu einer Canalolithiasis umgewandelt und muss dann dementsprechend weiterbehandelt werden.

Der Lagerungsschwindel im vorderen Bogengang, der sehr selten vorkommt, wird ebenfalls durch den Dix-Hallpike-Test diagnostiziert, aber mit dem Yacovino-Manöver behandelt.

Zu guter Letzt sollte erwähnt werden, dass ein falsches Manöver dafür sorgen könnte, dass mehrere Bogengänge involviert sind. Daher ist es äußerst ratsam, sich diesbezüglich fortzubilden, bevor man die Manöver anwendet.

 

Anmerkung
Alle Fotos von Firat Keagin

 

 

Heftnummer: 2-2017


Literatur

1) Strupp M, Dieterich M, Brandt T. 2013. Periphere und zentrale vestibuläre Schwindelformen. Dt. Ärztebl. Intern. 110:505–16

2) Herdman SJ, Hoder JM. 2014. Physical therapy management of benign paroxysmal positional vertigo. In Vestibular Rehabilitation, ed. SJ Herdman, R Clendaniel. Philadelphia: F. A. Davis

3) Perez P, Franco V, Cuesta P, Aldama P, Alvarez MJ, et al. 2012. Recurrence of benign paroxysmal positional vertigo. Otol. Neurotol. 33:437–43

4) Sakaida M, Takeuchi K, Ishinaga H, Adachi M, Majima Y. 2003. Long-term outcome of benign paroxysmal positional vertigo. Neurology 60:1532–4

5) Imai T, Ito M, Takeda N, Uno A, Matsunaga T, et al. 2005. Natural course of the remission of vertigo in patients with benign paroxysmal positional vertigo. Neurology 64:920

6) Simhadri S, Panda N, Raghunathan M. 2003. Efficacy of particle repositioning maneuver in BPPV: a prospective study. Am. J. Otolaryngol. 24:355–60

7) Halker RB, Barrs DM, Wellik KE, Wingerchuk DM, Demaerschalk BM. 2008. Establishing a diagnosis of benign paroxysmal positional vertigo through the dix-hallpike and side-lying maneuvers: a critically appraised topic. Neurologist 14:201

8) Hain TC. 2016. BPPV – Benign Paroxysmal Positional Vertigo. dizziness-and-balance.com/disorders/bppv/bppv.html; Zugriff am 26.11.2016

9) Radtke A, von Brevern M, Tiel-Wilck K, Mainz-Perchalla A, Neuhauser H, et al. 2004. Self-treatment of benign paroxysmal positional vertigo: Semont maneuver vs Epley procedure. Neurology 63:150–2

10) Nuti D, Nati C, Passali D. 2000. Treatment of benign paroxysmal positional vertigo: no need for postmaneuver restrictions. Otolaryngol. Head Neck Surg. 122:440–4

11) Choung YH, Shin YR, Kahng H, Park K, Choi SJ. 2006. ‘Bow and lean test’ to determine the affected ear of horizontal canal benign paroxysmal positional vertigo. Laryngoscope 116:1776–81

12) Lee JB, Han DH, Choi SJ, Park K, Park HY, et al. 2010. Efficacy of the bow and lean test for the management of horizontal canal benign paroxysmal positional vertigo. Laryngoscope 120:2339–46

13) Hain TC. 2016. Lateral Canal BPPV. dizziness-and-balance.com/disorders/bppv/lcanalbppv.htm; Zugriff am 26.11.2016

14) Yacovino DA, Hain TC, Gualtieri F. 2009. New therapeutic maneuver for anterior canal benign paroxysmal positional vertigo. J. Neurol. 256:1851–5

15) Hain TC. 2015. Home treatment of BPPV. dizziness-and-balance.com/disorders/bppv/home/home-pc.html; Zugriff am 26.11.2016

Autor

Firat Kesgin

​​Physiotherapeut; 2013 B. Sc. Physiotherapie an der HAN University, Nijmegen (NL); 2012 Weiterbildung am Schwindelzentrum PBRC, Seattle (USA); 2013–2015 PT auf neurologischen Stationen; seit 2015 Masterstudium an der University of Brighton (UK); eigene Privatpraxis in Hamburg mit Schwerpunkt Schwindel; Referent für vestibuläre Therapie und Schwindel; 2016 Gründung eines Fortbildungsinstituts für vestibuläre Rehabilitationstherapie.

info@ivrt.de

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