_Praxis

Vestibuläre Hypofunktion

Untersuchung und Behandlung einer Patientin mit Schwindel

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Die Manöver und die Therapie des Lagerungsschwindels sind in der Physiotherapie bekannt. Jedoch wird anderen vestibulären Erkrankungen, wie der vestibulären Hypofunktion, leider noch zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Deshalb soll im folgenden Artikel anhand eines Fallbeispiels die Vorgehensweise bei vestibulärer Hypofunktion verdeutlicht werden. Unser Experte erläutert Ihnen die Anamnese, verschiedene Tests und die anschließende Therapie einer Patientin mit vestibulärem Schwindel.

Gleichgewicht, visuelles System und Schwindel

 

Vereinfacht gesehen wird das Gleichgewicht durch drei Systeme reguliert: das Gleichgewichtsorgan, das visuelle System und das somatosensorische System (vor allem der unteren Extremitäten) (1). Patienten mit einem schwachen Gleichgewichtsorgan versuchen das Defizit mit anderen Systemen, vor allem aber mit der visuellen Komponente, zu kompensieren.

Da das Gleichgewichtsorgan bei Patienten mit einer Vestibulopathie nicht adäquat funktioniert, ist man auf das visuelle System angewiesen. Wenn bei Auto-, Zug- oder Schifffahrten sich die Umgebung bewegt, ist das »schwache« Gleichgewichtsorgan überfordert und braucht das visuelle System, um sich zu orientieren. Wird nun während der Autofahrt auch noch gelesen, wird das Gleichgewichtsorgan von der visuellen Komponente nicht unterstützt (2). Diese Überforderung drückt sich durch spezifische Symptome wie Schwindel und Übelkeit aus. Fährt der Zug oder das Schiff so schnell, dass das Auge nicht mehr fixieren kann, wird das schwache Gleichgewichtsorgan ebenfalls »im Stich gelassen«. Dies erklärt auch, warum den Patienten das Gehen im Dunkeln schwerfällt.

Das visuelle, vestibuläre und somatosensorische System arbeiten als ein Team. Ist die Zusammenarbeit der Systeme ­betroffen, funktioniert das Gleichgewichtssystem nicht und Schwindel sowie »wackelige Beine« sind das Ergebnis (3). Die Kombination dieser Symptome sollte ­dafür sorgen, dass bei Therapeuten die »Vestibular-Glocken« läuten. Folglich genügen schnelle Kopfdrehungen, um dieses empfindliche, schwache System zu überfordern. Dies kann zum Beispiel vorkommen, wenn man vor der Überquerung einer Straße schnell nach links und rechts sieht, wenn einem jemand hinterherruft oder man plötzlich stoppen muss, weil ein schneller Fahrradfahrer klingelt.

Kenntnisse über physiologische Aspekte wie den Push-Pull-Mechanismus  und den vestibulo-okulären Reflex sind für das Clinical Reasoning während der Anamnese und Untersuchung essenziell.


Differenzierung der Schwindelart

 

Vor der Untersuchung sollte man durch eine ausführliche Anamnese versuchen, den Schwindel zu differenzieren. Der Lagerschwindel ist durch bestimmte Lagerungsproben leicht zu provozieren und tritt demnach nur in einer bestimmten Kopfhaltung sehr akut und stark auf beziehungsweise wird nur durch eine bestimmte Kopfbewegung ausgelöst (4). In dieser Kopfposition tritt ein für den Lagerungsschwindel spezifischer Nystagmus auf.

Auch der zervikogene Schwindel hängt mit der Kopfhaltung und Kopfbewegung zusammen (5). Der Schwindel tritt in diesem Fall eher schleichend und langsam auf und wird mehr als ein verschwommenes, wackeliges Sichtfeld beschrieben. Der für den Lagerungsschwindel spezifische Nystagmus kommt bei dieser Schwindelart nicht vor. Die vestibuläre Hypofunk­tion wird ausführlich im Fallbeispiel erklärt.


Fallbeispiel

 

Anamnese

Frau B. kommt mit den Beschwerden Schwindel und Gleichgewichtsstörung in die Praxis. Zunächst wird ein ausführliches Anamnesegespräch geführt. Während der Anamnese wird versucht, die Problematik zu differenzieren.

Sie berichtet, dass sie Probleme beim Lesen als Beifahrerin im Auto oder generell auf Schiffsreisen habe. Sie erklärt, dass das Zug- und Fahrstuhlfahren unangenehm sei und leichten Schwindel verursache. Auch seien sich sehr schnell bewegende Objekte, wie beispielsweise ein vorbeifahrender Zug, symptomprovozierend. Frau B. gibt an, dass sie beim Blick nach rechts und links vor der Straßenüberquerung kurzzeitigen Schwindel empfinde und ein unsicheres Gefühl in den Beinen beziehungsweise wackelige Beine habe. Vor allem das Gehen im Dunkeln falle ihr sehr schwer, sie müsse sich konstant festhalten. Sie meint, dass sie zwar schon immer ein schlechtes Gleichgewicht hatte, sich dies jedoch in den letzten Jahren weiter verschlechtert habe, sodass sie selbst das Fahrradfahren, welches ihr größtes Hobby war, aufgeben musste.

Fragen zu Licht-, Lärm- und Geruchs­empfindlichkeit sollten während der Anamnese nicht fehlen (siehe Kasten). Kopfschmerzen, Migräne, Tinnitus, schnelle körperliche Ermüdung und ein gestörter Schlafrhythmus sind ebenfalls Symptome, die nicht selten von Patienten genannt werden. Starker Tinnitus, Hörsturz und Taubheit / Kribbeln im Gesicht sind deutliche Red Flags und der Patient sollte dringend gründlich von einem Arzt untersucht werden. Die Antworten von Frau B. auf diese Fragen sind negativ, sie hat keines der aufgezählten Symptome.

 


ÜBEREMPFINDLICHKEIT DER SINNESORGANE

Licht-, Lärm-, Geruchsempfindlichkeit, Kopfschmerzen, Migräne, Tinnitus, schnelle körperliche Ermüdung und ein gestörter Schlafrhythmus können durch die Beziehung der Afferenzen und Efferenzen der Vestibulariskerne erklärt werden. Funktioniert das Gleichgewichtsorgan nicht adäquat, so werden die Afferenzen falsche Informationen an den Hirnstamm senden, wo die Vestibulariskerne liegen. Ist die afferente Information fehlerhaft, so wird auch die efferente Reaktion fehlerhaft sein (19).
Die Kenntnis darüber, dass das Gleichgewichtsorgan wichtige und direkte Efferenzen zum Formatio reticularis, Thalamus (aufsteigendes retikuläres Aktivierungssystem – ARAS) und Hypothalamus hat (17), erklärt auch, weshalb Patienten mit einer starken Vestibulopathie sich im konstanten Alarmzustand beziehungsweise im aspezifischen Arousal befinden können. Folglich verstärken starke Licht-, Lärm- und Geruchsreize die Symptome der Betroffenen. Im Alarmzustand werden Stresshormone ausgeschüttet, was die Verstärkung der oben beschriebenen Symptome ebenfalls erklären würde. Vor allem akute, posttraumatische vestibuläre Verletzungen machen dies für Therapeuten und Angehörige deutlich.

 


Untersuchung des vestibulären ­Schwindels

 

Dysdiadochokinese- und ­Koordinationstest

Fünf Tests können die vorläufige Hypothese einer vestibularbedingten Schwindelsymptomatik von Frau B. bestätigen. Zunächst sollte jede vestibuläre Untersuchung mit Dysdiadochokinese- und Koordinationstest beginnen (Abb. 1a–d, 2a–e). Diese Tests werden durchgeführt, um Red Flags auszuschließen (6), in diesem Fall zum Beispiel eine Hirnläsion. Die Tests werden zunächst mit offenen und danach mit geschlossenen Augen durchgeführt.

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Abb. 1a–d_Pronation-Supinations-Test: Die Patientin soll mit beiden Händen möglichst schnelle Unterarmpronations- / -supinations-Bewegungen synchron ausführen, anschließend asynchron, mit offenen und geschlossenen Augen.

Abb. 1a–d_Pronation-Supinations-Test: Die Patientin soll mit beiden Händen möglichst schnelle Unterarmpronations- / -supinations-Bewegungen synchron ausführen, anschließend asynchron, mit offenen und geschlossenen Augen.

 

Hierbei sollte der Therapeut auf den Unterschied achten. Im Fall von Frau B. sind beide Tests unauffällig und somit können Red Flags ausgeschlossen werden.

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Abb. 2a–e_Modifizierter Finger-Nase-Versuch: Die Patientin berührt zunächst ihre Nase, dann den Zeigefinger des Unter­suchers und wiederholt den Vorgang mehrmals, so schnell es geht.

Abb. 2a–e_Modifizierter Finger-Nase-Versuch: Die Patientin berührt zunächst ihre Nase, dann den Zeigefinger des Untersuchers und wiederholt den Vorgang mehrmals, so schnell es geht.

 

Okulomotorik

Danach sollte die Okulomotorik untersucht werden (Abb. 3a–c). Dabei ist auf einen spontanen Nystagmus im Ruhezustand (im Hellen) zu achten, welcher wieder als Red Flag gesehen werden sollte. Es muss kontrolliert werden, ob die Augen mittig bleiben oder leicht in eine bestimmte Richtung gleiten, worauf eine kleine Korrektur folgt.

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Abb. 3a–c_Okulomotorik: Die Patientin soll nach rechts sehen, ohne den Kopf zu bewegen, und kurz den Blick halten; das Gleiche in die linke Richtung. Hierbei auf den Rucknystagmus achten – vor allem der Blick zu stärkeren Seite wird den Rucknystagmus verstärken (Gesetz von Alexander).  Anschließend soll die Patientin dem Kugelschreiber folgen, den der Therapeut in einem imaginären Viereck von einer Ecke in die andere bewegt. Die Okulomotorik-Testung schließt mit Sakkaden ab: Sakkaden beschreiben die Fähigkeit der Augen, zwischen zwei Objekten schnell hin und her zu springen. Der Therapeut hält einen Kugelschreiber ungefähr 30 Zentimeter von seiner Nase entfernt, erst links, dann rechts. Die Patientin soll mit den Augen schnell zwischen dem Kugelschreiber und der Nase des Therapeuten hin und her springen.

Abb. 3a–c_Okulomotorik: Die Patientin soll nach rechts sehen, ohne den Kopf zu bewegen, und kurz den Blick halten; das Gleiche in die linke Richtung. Hierbei auf den Rucknystagmus achten – vor allem der Blick zu stärkeren Seite wird den Rucknystagmus verstärken (Gesetz von Alexander).
Anschließend soll die Patientin dem Kugelschreiber folgen, den der Therapeut in einem imaginären Viereck von einer Ecke in die andere bewegt. Die Okulomotorik-Testung schließt mit Sakkaden ab: Sakkaden beschreiben die Fähigkeit der Augen, zwischen zwei Objekten schnell hin und her zu springen. Der Therapeut hält einen Kugelschreiber ungefähr 30 Zentimeter von seiner Nase entfernt, erst links, dann rechts. Die Patientin soll mit den Augen schnell zwischen dem Kugelschreiber und der Nase des Therapeuten hin und her springen.

 

Bei einer unilateralen Hypofunktion gleitet das Auge aufgrund des Ungleichgewichts der Feuerungsrate der vestibulären Neuronen zwischen den beiden Seiten in die Richtung des schwachen Gleichgewichtsorgans und wird dann von der starken, gesunden Seite durch einen kleinen Schlag wieder Richtung Mitte korrigiert (6). Man spricht von einem Rucknystagmus. Dies ist vor allem in der akuten Phase gut erkennbar, aber dennoch mit bloßen Augen ohne Nystagmusbrille schwer zu sehen und erfordert daher viel Erfahrung.

Frau B. zeigt einen leichten Rucknystagmus nach rechts, welcher darauf hindeutet, dass die gesunde Seite rechts und die schwache, betroffene Seite links ist. Folglich spricht man von einer vestibulären Hypofunktion links. Die Zielverolgung und die sakkadischen Augen­bewegungen empfindet Frau B. ebenfalls als sehr schwer; sie muss sich hierbei stark konzentrieren.

 

Vestibulo-okulärer Reflex

Nach der Okulomotorik erfolgt eine ­Untersuchung des vestibulo-okulären Reflexes (VOR), wodurch trotz Kopfbewegungen ein fester Punkt mit den Augen fixiert werden kann (Abb. 4) (6). Dieser Reflex ist normal und unauffällig, wenn sowohl die Okulomotorik als auch das Gleichgewichtsorgan nicht betroffen sind.

 

Abb. 4_Vestibulo-okulärer Reflex: Bei diesem Test hält der Therapeut den Kopf der Patientin und dreht ihn nach rechts und nach links; sie muss konstant auf die Nase des Therapeuten blicken.

Abb. 4_Vestibulo-okulärer Reflex: Bei diesem Test hält der Therapeut den Kopf der Patientin und dreht ihn nach rechts und nach links; sie muss konstant auf die Nase des Therapeuten blicken.

 

Frau B. berichtet, dass die Objektfixierung bei der Kopfdrehung zur linken Seite viel schwieriger sei als zur rechten Seite. Dies ist logisch, denn ihr linkes Gleichgewichtsorgan ist schwächer und lässt das visuelle System bei der Kopfdrehung zur linken Seite im Stich, die Augen sind desorientiert. Das gesunde rechte Gleichgewichtsorgan kann nicht eingreifen, da es durch den Push-Pull-Mechanismus bei der kontralateralen Kopfdrehung inhibiert wird.

Eine Steigerung dieses Tests ist der Kopfimpulstest (KIT). Dabei hält der Untersucher den Kopf des Patienten und dreht ihn schnell und unerwartet in eine Richtung. Man versucht sozusagen, das Gleichgewichtsorgan »auf frischer Tat zu ertappen«. Frau B. verliert beim KIT das Zielobjekt bei der Kopfdrehung nach links aus den Augen und zeigt eine deutliche sakkadische Korrekturbewegung, um das Zielobjekt wieder zu fixieren (7). Dies bestätigt die Hypothese, da das linke Gleichgewichtsorgan bei diesem Test eine deutliche Hypofunktion zeigt.

 

Im pt_Fachvideo demonstriert Firat Kesgin den vestibulo-okulären Reflex, den Kopf­impulstest und die entsprechende Therapie mit anspruchsvollen funk­tionellen Übungen.

 

Romberg-Test

Nun wird die Untersuchung mit dem Romberg-Test fortgeführt (Abb. 5a–c). Frau B. steht mit offenen Augen sehr ­sicher. Sobald sie die Augen schließt, fängt sie an zu schwanken und muss schnell die Augen öffnen. Sie beschreibt wieder das unsichere Gefühl in den Beinen und ein schummriges Gefühl im Kopf. Man begründet ihre Reaktion, die typisch für eine vestibuläre Hypofunktion ist, mit der Abwesenheit der visuellen Kompensation (8).

Der Test kann auf zwei Arten modifiziert werden: Bei der ersten Modifikation dreht die Patientin mit geschlossenen Augen den Kopf nach rechts und links, wodurch das Schwanken verstärkt wird. Die somatosensorische Kompensation kann ebenfalls inhibiert werden, indem man eine Balancematte unter die Füße der Patientin stellt (9). Nun schwankt Frau B. so sehr, dass sie aufgefangen werden muss. Frau B. versucht es weiter, jedoch dauert es immer nur einige Sekunden, bis sie die Augen öffnet, um nicht zu fallen. Auch dieser Test bestätigt die Hypothese.

Wenn man die Befunde zusammenfasst, kann mit hoher Sicherheit gesagt werden, dass Frau B. an einer vestibulären Hypofunktion des linken Gleichgewichts­organs leidet. Der leichte Rucknystagmus nach rechts in Ruhelage, der fehlende VOR bei der Kopfdrehung nach links sowie der positive Romberg-Test deuten allesamt auf eine vestibuläre Schwäche hin.

Abb. 5a–c_Romberg-Test: Die Patientin muss mit geschlossenen Füßen stehen, zunächst mit offenen, später mit geschlossenen Augen. Es ist sehr wichtig, auf den Unterschied zwischen geschlossenen und offenen Augen zu achten.

Abb. 5a–c_Romberg-Test: Die Patientin muss mit geschlossenen Füßen stehen, zunächst mit offenen, später mit geschlossenen Augen. Es ist sehr wichtig, auf den Unterschied zwischen geschlossenen und offenen Augen zu achten.

 

Weitere Assessments

Nach der Untersuchung folgen die Berg-Balance-Skala (BBS) und das Functional Gait Assessment (FGA) (10). Das erste Assessment dürfte vielen Lesern bekannt sein: Das Gleichgewicht wird mit 14 praktischen Tests von Alltagsbewegungen beurteilt.

Das zweite Assessment ist eine Modifikation des Dynamic Gait Index, welches aus der Neurologie kommt. Das FGA misst das Gleichgewicht während des Gehens und wurde speziell für Patienten mit Vestibulopathie entwickelt (11). Das Assessment beinhaltet horizontale / vertikale Kopfdrehungen, plötzliche Drehungen, Augen schließen und diverse andere vestibuläre Komponenten, die der Patient während des Gehens ausführen muss.

Die Assessments werden durchgeführt, um bezüglich der International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) auch auf der Ebene von Aktivitäten und Partizipation Defizite festzustellen beziehungsweise Ziele für diese Ebenen zu formulieren. Denn die bisherigen Tests zeigen die Störungen auf Ebene der Körperfunktion / -struktur, aber nicht, bei welchen alltäglichen Aktivitäten Frau B. Probleme hat. Zusätzlich werden sie durchgeführt, um einen Anfangswert vor Therapiebeginn zu haben, wodurch der Fortschritt der vestibulären Therapie in regelmäßigen Abständen gemessen werden kann. Frau B. erzielt auf der BBS 54 Punkte, somit besteht laut diesem Test ein leichtes Sturzrisiko (12). Beim FGA erreicht sie nur 20 von 30 Punkten (hohes Sturzrisiko) (13), was zum einen zeigt, dass das Gleichgewicht beim Gehen stark beeinträchtigt ist, und zum anderen, dass vestibuläre Reize ihre Gehfähigkeit einschränken.


Therapie des vestibulären Schwindels

 

Frau B. erhält die erste Hausaufgabe, die sie bis zum nächsten Termin üben soll. Mit dem Rücken stellt sie sich in eine Ecke in ihrer Wohnung. Die Ecke dient nur zur Sicherheit, da sie die Wand nicht berühren darf. Nun macht sie einen kleinen Schritt nach vorne, sodass ein Fuß leicht vor dem anderen steht (kein Tandemstand). Frau B. schließt die Augen und hält eine Minute die Position, ohne die Wand zu berühren. In der zweiten Minute dreht sie den Kopf horizontal in der gleichen Haltung, als ob sie den Kopf verneinend schütteln würde. In der dritten Minute bewegt sie den Kopf vertikal nach oben und unten, als ob sie zustimmend nickt.

Nach drei Minuten wechselt sie die Füße und wiederholt die gesamte Übungsfolge. Der Schwierigkeitsgrad kann erhöht werden, indem die Füße näher auf eine Linie gebracht werden; leichter wird die Übung, indem die Füße weiter auseinandergestellt werden. Dies ist eine Beispielübung für die erste Phase der vestibulären Therapie (siehe Kasten).

 


THERAPIE DES VESTIBULÄREN SCHWINDELS

Phase 1
In der ersten Phase werden statische Übungen mit geschlossenen Augen durchgeführt, sodass das schwache Gleichgewichtsorgan trainiert wird (14, 15). Leider sieht man noch allzu oft, dass viele Kollegen Patienten mit vestibulären Problemen auf dem Balancekreisel äußerst anspruchsvolle Übungen ausführen lassen; der beliebte Tandemgang ist ebenfalls eine solche falsche Intervention. Dies ist ein großer Fehler, da der Patient erstensmit allen Mitteln versuchen muss, sich auf dem Kreisel zu balancieren, und das Balancieren auf dem Kreisel zweitens nicht funktionell ist und in keinem Zusammenhang mit alltäglichen Aktivitäten steht. Mit allen Mitteln auf dem Kreisel zu balancieren heißt, die schon extrem dominante visuelle Komponente noch mehr als Kompensation zu nutzen. Die falsche Kompensation wird demnach perfektioniert!
Der richtige Weg wäre genau umgekehrt: zunächst mit geschlossenen Augen leichte Übungen ausführen. Eine Beispielübung: mit geschlossenen Augen aufstehen, zwei Schritte nach vorne machen, den Kopf nach rechts und nach links drehen, anschließend wieder zwei Schritte zurück machen und sich wieder hinsetzen. Wenn die dominanten Augen nicht mehr kompensieren können, muss das Gleichgewichtsorgan arbeiten und wird somit trainiert.
Phase 2
In der zweiten Phase werden weiterhin Übungen mit geschlossenen Augen absolviert, jedoch bewegt sich der Patient; man spricht daher von dynamischen Übungen. Neben diesen Übungen sollte das Training des VOR nicht vernachlässigt werden (20). Eine mögliche Übung wäre, auf einem Stück Papier einen schwarzen Punkt aufzumalen und es an der Wand auf Augenhöhe festzukleben. Nun muss der Punkt mit den Augen fixiert und dabei der Kopf nach links / rechts beziehungsweise nach oben / unten bewegt werden.
Umgekehrt werden die Daumen bei gestreckten Armen mit den Augen fixiert und bei abwechselnder horizontaler Armabduktion verfolgt. Hierbei folgt der Kopf der Bewegung. Die dritte Variation wäre, dass sich das Zielobjekt (der Daumen) und der Kopf in die entgegengesetzte Richtung bewegen und der Patient dabei den Daumen mit den Augen fixiert. Dies sind Maßnahmen, um zum einen den VOR zu trainieren und zum anderen die fehlerhafte Zusammenarbeit zwischen dem vestibulären und visuellen System zu verbessern.

 

Therapieverlauf

Erst wenn die Patientin die im Kasten ­beschriebenen Therapiephasen durchlaufen hat und die dort erklärten Beispielübungen beherrscht, kann mit anspruchsvollen Übungen mit offenen Augen ­begonnen werden. Frau B. kommt nach zwei Wochen wieder in die Praxis; die ­statischen und dynamischen Übungen hat sie wie besprochen durchgeführt, der Romberg-Test auf der Balancematte be­stätigt dies. Frau B. steht mit ­geschlossenen Augen auf der Matte und kann sich trotz vielem Schwanken halten. Nun folgen die funktionellen Gehübungen.

Im Therapieraum wird ein Parcours für Frau B. eingerichtet. Der Parcours enthält Hindernisse, über die sie geht, und Pylonen, um die sie läuft. Zwischen den Hindernissen ruft der Therapeut ihr bestimmte Instruktionen zu, wie zum Beispiel: »Nach rechts schauen!«, »Nach oben schauen!«, »Über die linke Schulter ­schauen!«, »Stoppen!«, »Halbe Drehung!«, »Ganze Drehung!«  Zusätzlich können Ballfang- / Ballwurfübungen durchgeführt werden. Der Parcours spiegelt folglich Anforderungen des Alltags wieder. Die Patientin muss in der Lage sein, auf die überraschenden Gleichgewichtsstörungen auf den vollen Straßen, auf dem Weg zur U-Bahn oder durch die Stadt schnell und adäquat zu reagieren, ohne die Balance zu verlieren. Durch sich wiederholende, variierende vestibuläre Reize soll sich das Gleichgewichtssystem zum einen an die Reize gewöhnen (Habituation) (14, 15) und zum anderen Strategien entwickeln, um diesen Reizen entgegenzuhalten, ohne negative Reaktionen zu äußern (Adaptation) (16).

Das Gleichgewichtsorgan ist genau wie jedes andere Organ trainierbar und im gleichen Maße bewirkt auch das vestibuläre Training eine Superkompensation. Hierdurch wird langfristig die vestibuläre Hypofunktion vermindert und Symptome wie Schwindel und Übelkeit treten gar nicht oder seltener auf.

 

Firat Kesgin berichtete uns im Interview, seit wann er sich für die vestibuläre Hypofunktion interessiert und weshalb er sich dafür in einem Schwindelzentrum in den USA qualifizierte.

 

Therapieergebnis

Frau B. führt weiterhin zu Hause die leichten Übungen mit geschlossenen Augen durch; in der Praxis finden anspruchsvolle dynamische Übungen mithilfe des Parcours statt. Nach vier Wochen werden die Assessments wiederholt: Auf der BBS erreicht Frau B. 56 von 56 Punkten und somit besteht kein Sturzrisiko im Stand. Im FGA verbessert sie sich um sechs Punkte und erzielt nun 26 von 30 Punkten.

Es wird mit dem gleichen Ansatz vier weitere Wochen geübt. Das Functional Gait Assessment wird wiederholt und die Patientin erreicht mit 30 Punkten die volle Punktzahl. Der Romberg-Test und die modifizierte Variante sind negativ, die Patientin zeigt keine Korrekturbewegung beim Kopfimpulstest und der VOR ist normal zu beiden Seiten. Frau B. berichtet, dass sie im Alltag keine Schwierigkeiten mehr habe. Kopfdrehungen beim Gehen oder das Gehen im Dunkeln stellen kein Problem mehr dar. Voller Euphorie schwärmt sie, dass sie am Wochenende zum ersten Mal seit drei Jahren wieder Fahrrad gefahren sei.

 

GLOSSAR
Push-Pull-Mechanismus (17)_Das linke und das rechte Gleichgewichtsorgan ­bilden drei komplanare Bogengang-Paare: [a] rechter und linker horizontaler Bogengang, [b] linker vorderer Bogengang und rechter hinterer Bogengang, [c] linker hinterer Bogengang und rechter vorderer Bogengang. Wenn nun eines der Bogengang-Paare stimuliert wird, so wird der Gegenspieler inhibiert: Beispielsweise wird bei der Kopfdrehung nach rechts der rechte horizontale Bogengang stimuliert und der linke horizontale Bogengang inhibiert.
Gesetz von Alexander (18)_Das Gesetz von Alexander wurde 1912 von Gustav Alexander formuliert und besteht aus drei Aussagen, welche die Eigenschaften des Nystagmus bei einem akuten vestibulären Ausfall beschreiben: 1. Der spontane Nystagmus schlägt (im Hellen ohne Blickfixierung) in Richtung des gesunden Gleichgewichtsorgans, sprich, die schnellere Phase des Nystagmus ist in Richtung der gesunden Seite; 2. Der Nystagmus wird stärker beim Blick zur gesunden Seite und schwächer beim Blick in Richtung des betroffenen Gleichgewichtsorgans; 3. Der Nystagmus wird im Dunkeln bei fehlender Blickfixierung (Verdunklung der Nystagmusbrille) stärker.

 

HINWEIS
Lesen Sie auch:
Kesgin F. 2016. Head-Neck-Differentia­tion-Test. Zervikogenen Schwindel von vestibulärem Schwindel differenzieren. Z. f. Physiotherapeuten 68, 1:51–3

 

Heftnummer: 3-2016


Literatur

  1. Shumway-Cook A, Woollacott M. 2001. Motor Control: Theory and Practical Applications. Philadelphia: Lippincott, Williams & Wilkins
  2. Brandt T, Daroff R. 1980. The multisensory physiological and pathological vertigo syndromes. Ann. Neurol. 7:195–203
  3. Horak F, Wrisley D, Frank J. 2009. The Balance Evaluation Systems Test (BESTest) to differentiate balance deficits. Phys. Ther. 89, 5:484–98
  4. Clendaniel R, Landel R. 2014. Chapter 31: Physical Therapy Management of Cervicogenic Dizziness. In Vestibular Rehabilitation, ed. S Herdmann, R Clendaniel. Philadelphia: F.A. Davis Company
  5. Wrisley D. 2002. Cervicogenic Dizziness. www.vestibular.org/cervicogenic-dizziness; Zugriff am 12.7.2015
  6. Whitney S, Herdmann S. 2014. Chapter 21: Physical Therapy Assessment of Vestibular Hypofunc­tion. In Vestibular Rehabilitation, ed. S Herdmann, R Clendaniel. Philadelphia: F.A. Davis Company
  7. Halmagyi G, Curthoys I. 1988. A clinical sign of canal paresis. Arch. Neurol. 45, 7:737–9
  8. Romberg M. 1853. A manual of the nervous diseases of man. London: Sydenham Society
  9. Jacobson G, Mccaslin DL, Piker E, Gruenwald J, Grantham S, et al. 2011. Insensitivity of the ­»Romberg test of standing balance on firm and compliant support surfaces« to the results of caloric and VEMP tests. Ear Hear. 32, 6:e1–5
  10. Whitney S, Wrisley D, Furman J. 2003. Con­current validity of the Berg Balance Scale and the Dynamic Gait Index in people with vestibular dysfunction. Physiother. Res. Int. 8, 4:178–86
  11. Wrisley D, Marchetti G, Kuharsky D, Whitney S. 2004. Reliability, internal consistency, and validity of data obtained with the functional gait assessment. Phys. Ther. 84, 10:906–18
  12. Thorbahn L, Newton R. 1996. Use of the Berg Balance Test to predict falls in elderly persons. Phys. Ther. 76, 6:576–83
  13. Wrisley D, Kuma N. 2010. A functional gait ­assessment: concurrent, discriminative, and predictive validity in community-dwelling older adults. Phys. Ther. 90, 5:761–73
  14. Cawthorne T. 1944. The physiological basis for head exercises. Journal of the Chartered Society of Physiotherapy 30:106
  15. Cooksey F. 1946. Rehabilitation in vestibular injuries. Proc. Royal Soc. Med. 39:273
  16. Demer J, Porter F, Goldberg J, Jenkins H, Schmidt K. 1989. Adaptation to telescopic spectacles: vestibulo-ocular reflex plasticity. Invest. Ophthalmol. Visual Sci. 30, 1:159–70
  17. Brodal A. 1981. Neurological Anatomy in Relation to Clinical Medicine. New York: Oxford Press
  18. Leigh R, Zee D. 2006. The Neurology of Eye ­Movements. New York: Oxford University Press
  19. Lacour M, Tighilet B. 2010. Plastic events in the vestibular nuclei during vestibular compensation: the brain orchestration of a »deafferentation« code. Restor. Neurol. Neurosci. 28:19–35
  20. Herdmann S, Whitney S. 2014. Chapter 22: ­Physical Therapy Treatment of Vestibular Hypo­function. In Vestibular Rehabilitation, ed. S ­Herdmann, R Clendaniel. Philadelphia: F.A. Davis Company

Autor

Firat Kesgin

​​Physiotherapeut; 2013 B. Sc. Physiotherapie an der HAN University, Nijmegen (NL); 2012 Weiterbildung am Schwindelzentrum PBRC, Seattle (USA); 2013–2015 PT auf neurologischen Stationen; seit 2015 Masterstudium an der University of Brighton (UK); eigene Privatpraxis in Hamburg mit Schwerpunkt Schwindel; Referent für vestibuläre Therapie und Schwindel; 2016 Gründung eines Fortbildungsinstituts für vestibuläre Rehabilitationstherapie.

info@ivrt.de

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