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Zu Fuß durch Neuseeland

Wenn eine Physiotherapeutin wandern geht

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Globetrotter posten normalerweise ­Fotos von den Gefahren, die sie bezwungen haben. Schreiben Blogs über Naturphänomene oder fremde Kulturen. Unsere Autorin schildert, was sie wann wieso gedehnt und trainiert hat. Déformation professionelle? Können wir ­eigentlich nie abschalten? Oder bestehen wir Abenteuer einfach deshalb so gut, weil wir so sind, wie wir sind? Ein etwas anderer Fallbericht.

Der lange Weg

 

Seit ich als Kind Fotos von meinen Eltern auf einer Fernwanderung gesehen hatte, schlummerte eine Sehnsucht in mir, etwas Ähnliches zu tun. 2015 war es dann so weit und ich beschloss, Ende Juli Neuseelands noch jungen Fernwanderweg, den »Te Araroa« (Maori für »der lange Weg«), zu wandern.

Zwei Monate später stand ich mit meinem Rucksack am Cape Reinga, dem nördlichsten Punkt auf neuseeländischem Festland und offiziellen Start des Te Araroa. In den kommenden fünf Monaten würde ich von hier aus bis zum südlichsten Punkt der Südinsel wandern, insgesamt 3.000 Kilometer.


Vorbereitung in Deutschland

 

Ich muss zugeben, zunächst war ich nicht wirklich davon überzeugt, dass mein Körper und ich noch Freunde sein würden, wenn ich die ganze Strecke mit deutlichem Übergewicht (meinem Rucksack) wandern würde. Andererseits, überlegte ich, ist Gehen doch etwas sehr Natürliches für uns Menschen – beziehungsweise sollte es das sein. Neben dem Zusammensammeln meiner Ausrüstung tüftelte ich an der perfekten Einstellung meines Rucksacks sowie der besten Gewichtsverteilung und versuchte täglich mindestens 16 Kilometer zu gehen. Als Trainingsgelände dienten mir die Deiche im Hamburger Umland – die höchsten Erhebungen, die ich finden konnte. Die Schafe gaben mir immerhin ein Gefühl von »neuseelandspezifischem« Training. Als weitere Vorbereitung versuchte ich meine Achillessehnen mit exzentrischen Kraft- sowie Dehnübungen widerstandsfähiger zu machen. Weitere ­Muskeln, die ich an mir selbst als potenzielle Schwachpunkte für Fehlhaltungen und deren Konsequenzen sah, dehnte ich und behielt die Dehnübungen auch während des Trails bei. Diese umfassten die Muskeln Piriformis, Hamstrings, Gastrocnemii, Quadrizeps und Iliopsoas sowie Pectoralis major, Trapezius und Trizeps. ­Außerdem »bearbeitete« ich meine Plantarfaszie. Kraftübungen sparte ich mir – Kraftaufbau und Kondition würde ich mit einer Art Intervalltraining auf dem Trail erarbeiten.


Erste Schritte in Neuseeland

 

Die ersten Tage des Te Araroa sind vor allem eine mentale Herausforderung: 100 Kilometer Strand. Mein Gang mit dem etwa 23 Kilogramm schweren Rucksack war zunächst sehr anders und ungewohnt. Insgesamt ging ich nach Zeit und nicht wie viele amerikanische Fernwanderer nach Kilometern – denn eine Stunde ist immer eine Stunde lang, egal ob ich im Flachland oder in den Bergen unterwegs war. So versuchte ich in den ersten Tagen um die acht Stunden zu gehen und dieses Pensum später zu steigern. In der Mitte des Tages wechselte ich von meinen Wanderstiefeln in meine Trailrunner, um Blasen und eine Fehlbelastung der Füße zu vermeiden. Wo ich trotzdem »Hot Spots« fühlte, half ich mir mit Blasenpflaster und Tape. Einen großen Teil meiner Abende verbrachte ich mit Fußhygiene und gönnte meinen Füßen zudem Manuelle Therapie. Nach dem Strandabschnitt traf ich auf andere Wanderer. Viele konnten kaum noch gehen, da sie schlimme Blasen an den Füßen hatten. Aber auch Hüft-, Knie- und Sprunggelenkprobleme von dem ungewohnten Gewicht und der langen Belastung wurden beklagt.


Farmland, Strände, Wald, ­Vulkane und Straße – die ­Nordinsel

 

Abb. 2_In den Richmond Ranges – ein Traum für die Knie

Abb. 2_In den Richmond Ranges – ein Traum für die Knie

 

Charakteristisch für den Trail auf der Nord­insel ist ein Wechsel von Weiden, langen Stränden, exotischen Wäldern, Straße – und Richtung Süden zunehmend alpineren Passagen. Eine wahre Herausforderung fand ich in den Wäldern: Der »Wald« ist ein Dschungel mit dichtem Gebüsch, in dem man schnell ernsthaft verloren gehen kann. Zudem ging es permanent steil auf und ab, ohne dass ein Ende in Sicht gewesen wäre. Zelten war hier unmöglich und ich musste oft weiter wandern, als ich wollte. Die vielen Baumwurzeln wurden zu Stolperfallen oder glitschig im Regen, sodass ich häufig ausrutschte. »Back to the roots« bekam eine völlig neue Bedeutung.

 

Abb. 3_Über den Wolken

Abb. 3_Über den Wolken

 

Das Anstrengendste in den Wäldern war jedoch der Matsch. Oftmals bestand der Weg aus einem einzigen Matschloch mit unberechenbarer Tiefe. Bis zu den Knien einzusinken war nicht selten. Rückblickend war die Nordinsel mit einem ­höheren Verletzungsrisiko verbunden als die Südinsel. Neben typischen Wanderverletzungen wie der Marschfraktur und Supinationstraumata hörte ich von anderen Wanderern von Knie­schmerzen, ­Weber-Frakturen, Oberschenkelhals-, Daumen- und Handgelenksbrüchen.


Berge, Täler, Flüsse und Seen – die Südinsel

 

Mit ihrem alpinen Charakter ist die Süd­insel körperlich und technisch größtenteils anspruchsvoller als die Nordinsel. Herausfordernd war das hohe Gewicht des Rucksacks – manchmal bis zu 27 Kilogramm –, bedingt durch die längeren Streckenabschnitte ohne Einkaufsmöglichkeiten. Besondere Gefahren stellten die zahlreichen Flussdurchquerungen dar. Hierbei starb auf einem Streckenabschnitt drei Wochen, bevor ich ihn ging, eine junge Neuseeländerin, als sie von der Strömung aus ihrer Gruppe herausgerissen wurde.

Zum Glück konnte ich mittlerweile Flüsse richtig einschätzen und beherrschte die nötige Technik, um einen Fluss ­alleine sicher zu durchqueren: Seitschritte stromaufwärts blickend und mit den Wanderstöcken nach vorne abstützen. Bis zum Schluss behielt ich aber enormen ­Respekt vor den Flüssen und sah sie als meine größte Herausforderung an.


Bluff – Ziel erreicht!

 

Wenn ich mir auf dem Trail meine Ankunft am Ziel in Bluff vorstellte, dachte ich immer, ich würde in diesem Moment sehr emotional sein. Stattdessen war ich ziemlich ruhig und einfach nur beeindruckt davon, was mein Körper und Geist geschafft hatten. Ich bin mir sicher, dass ich den Trail auch ohne mein physiotherapeutisches Wissen bewältigt hätte – allerdings hätte ich ihn wahrscheinlich nicht so genießen können, wie ich es getan habe.

 

Abb. 1_In Bluff – am Ziel

Abb. 1_In Bluff – am Ziel

 

Heftnummer: 8-2016


Autor

Ann Katrin Saul

Physiotherapeutin; 2009 Abschluss des Bachelorstudiums an der Hochschule Fresenius / Idstein; 2009–2014 Spezialisierung in vestibulärer und neurologischer Reha im Deutschen Schwindelzentrum des Uniklinikums München sowie in der interdisziplinären Praxis von Prof. Wolfgang Fries.

annk.saul@gmail.com

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